Die Autorin Susanna Clarke hat mit „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ ein Fantasy-Werk von epischem Ausmaß geschaffen: Ganze 1024 Seiten umfasst der Schmöker, der in den historischen Rahmen des frühen 19. Jahrhunderts eingebettet ist und der durch die Erzählweise und zahlreiche pseudo-wissenschaftliche Fußnoten teilweise geschickt den Anschein erweckt, ein Tatsachenbericht zu sein. „Ein Meisterwerk, das Tolkien Konkurrenz macht“ verheißt der Umschlag; und dieser unpassende Vergleich - denn die Bücher weisen keine Parallelen auf - dürfte eine falsche Erwartungshaltung in so manchem Leser wecken. An „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ scheiden sich die Geister: Das Buch ist unbestritten feinsinnig geschrieben, besitzt feinen Humor und Ironie, erinnert in seiner Sprache teilweise wunderbar an Charles Dickens und Jane Austen. Die Handlung, die ja über 1000 Seiten füllt, ist jedoch stellenweise sehr langatmig und zieht sich sehr träge durch den Roman, für den man sich wirklich Zeit lassen sollte. Wer auf Seite 200 festgestellt hat, dass im Grunde genommen kaum etwas passiert ist, wird sich entweder enttäuscht abwenden oder er wird, bezaubert durch Sprachstil und Atmosphäre des Werks, weiter lesen. Es ist nicht so, dass auf 1000 Seiten überhaupt nichts geschieht, jedoch besitzt die sehr ausführliche Schilderung auch kleinster Details zu keiner Zeit Dynamik, es wird eher wenig gehandelt, sondern viel mehr beschrieben und vor allem gesprochen. Spannungsmomente kommen so nicht auf, und wenn, dann eher subtil und mystisch.
„Er sprach nur selten von Zauberei, und wenn er es tat, dann klang es wie Geschichtsunterricht, und kaum jemand hörte ihm zu.“ – Mit diesem Zitat wird Mr. Norrell im Roman charakterisiert, und ähnlich fühlt sich bisweilen der Leser, wenn er sich in seitenlangen Fußnoten verliert. Es ist schwierig, ein allgemeines Urteil über „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ zu fällen. Unbestritten gelungen sind Sprache, Stil und Atmosphäre dieses sorgfältig aufbereiteten Fantasywerks, opulent und wunderschön sind die Beschreibungen aus dem England des 19. Jahrhunderts, und man amüsiert sich über den trockenen Humor. Auch die Charaktere, die das Buch bevölkern, sind außergewöhnlich und interessant, wenn auch teilweise ebenso trocken wie Mr. Norrell – man hat häufig das Gefühl, dass die Romanfiguren still stehen, dass sie seitenweise gar nichts tun. Manche Leser, vor allem diejenigen, die eine aktiv voranschreitende Handlung mit Momenten der Spannung und Kraft erwarten, werden den Roman sicherlich als entsetzlich träge und langatmig empfinden.
Der Roman in der Taschenbuchfassung, zum fairen Preis von 14,95 Euro erschienen im Berliner Taschenbuch Verlag, lohnt dennoch definitiv einen Blick – schon allein, weil so viel von ihm gesprochen wurde - und bietet Lesestoff für Freunde von dicken Wälzern, die elegante Fantasy für Erwachsene mögen.