Neil Gaiman hält dieses Buch für den fraglos besten englischen Roman, der seit 70 Jahren im Genre des Phantastischen geschrieben wurde. Ich will und kann ihm nicht widersprechen: lange hat mich ein Roman nicht mehr so gefesselt und verzaubert.
Dabei ist Clarkes Erzählweise gemächlich. Sie läßt sich Zeit mit der Einführung ihrer Figuren, selbst für solche, die nur eine kleine Rolle spielen. Der mit einer beständigen ironischen Distanz durchwirkte Stil erinnert an Oscar Wilde oder Hector Hugh Munroe, und gekoppelt mit dem übernatürlichen Thema der Magie insbesondere an die prominentesten Vertreter der englischen Ghost Story, an Sheridan le Fanu und M. R. James.
Mit diesem ironisch-distanzierten Stil gelingt es ihr, die Magie wie selbstverständlich in die dröge matter-of-fact-Wirklichkeit der englischen Gesellschaft einzuschreiben. Insbesondere die Spannung zwischen den Kontrahenten Gilbert Norrell, einem buchhalterischen, ängstlichen Magie-Verwalter, und Jonathan Strange, einem leichtfertig-enthusiatischen Gentleman, ist von Clarke aufs Amüsanteste eingefangen. Und die magischen Wunder, von denen sie erzählt, sind deshalb um so zauberhafter, weil sie mit einer britisch-trockenen Nüchternheit und Selbstverständlichkeit wahrgenommen und beschrieben werden.
So ist es nicht nur die Handlung, die von Bedeutung ist, sondern ebenso das Erzählklima, in dessen Etablierung Clarke viel Zeit (und viele Seiten) investiert. Sie widmet Ereignissen und Dingen ganze Kapitel, die man ebenso auch in einem Nebensatz hätte abhandeln können, die aber dennoch schmerzlich fehlen würden, hätte sie die Zuflucht zu diesem Nebensatz genommen. Wer den Roman nach dem ersten Drittel entnervt beiseite gelegt hat, dem sei zur Wiederaufnahme der Lektüre geraten. Tatsächlich ist das erste, Mr Norrell gewidmete Drittel des Buches mitunter langatmig und zäh, aber genau das ist ja auch Norrells prominentester Charakterzug. Ab Seite 200 nimmt der Roman allmählich an Fahrt auf, und ab Seite 600 überschlägt er sich.
Clarkes Roman ist hervorragend konstruiert und durchdacht. Alles, was zuvor sorgfältig vorbereitet wurde, findet auf den letzten rund 150 Seiten seinen fulminanten Abschluß. In die Klage über den angesichts des Endes zu erwartenden Nachfolger kann ich nicht einstimmen - ich war betroffen, daß das Buch plötzlich zu Ende war und bin sicherlich einer der ersten, der sich Clarkes nächsten Roman zulegen wird.
Wer kann, der sollte sich das englische Original zu Gemüte führen, um den Zauber dieser charmanten Erzählweise am eigenen Leibe zu erfahren - ich kann mir nicht vorstellen, wie man das Wort „fairy" angemessen übersetzen will: weder Fee noch Elb scheinen wirklich passend zu sein. Fairies sind Fairies. Und das ist nur ein Beispiel für eine Fülle von Dingen, die sich einer properen Übersetzung entziehen dürften.
Die englischen Magier unterscheiden „books about magic" und „books of magic". Dieses hier ist zweifellos letzteres: ein magisches, ein bezauberndes Buch. Oder um in der Sprache der (englischen) Magie zu bleiben: spell-binding, enchanting.