Selten überraschte mich ein Bildband so stark wie dieser. Denn ich hatte eine Hommage an Johnny Cash erwartet, wie es geben so gang und gäbe ist, also Bilder von der Kindheit, den ersten Auftritten, den großen Erfolgen und den privaten Umfeldern. Vor allem hatte ich nicht damit gerechnet, mit dem eigenen Älterwerden und der Vergänglichkeit konfrontiert zu werden. Aber auch der bekannte englische Musikfotograf wusste 1994 noch nicht, worauf er sich einlässt, als er den King of Country auf einer Tournee durch Australien begleitete und mit einer fotografischen Session begann, die wohl ziemlich einzigartig ist. Das Titelbild mit Johnny Cash und den beiden Hunden, das auch auf dem Cover des Comeback-Albums "American Recordings" zu sehen ist, wurde denn auch zum Markenzeichen des späten Johnny Cash. Aber das allein würde das Adjektiv "einzigartig" natürlich nicht rechtfertigen. Viel mehr betrifft, wie sich Andy Earl einem vom Leben gezeichneten Star aus einer andere Ära annähert, um ihm eine Würde gibt, die nur durch stilles Einverständnis zweier Menschen zustande kommen kann. Earl, der bis zu diesem Zeitpunkt nur junge und schöne Menschen vor der Kamera hatte, muss plötzlich verstanden haben, was Endlichkeit bedeutet.
Andy Earl sagte in einem Interview: "Das Motiv mit den beiden Hunden war mehr oder weniger ein Zufallsprodukt. Als Cash an diesem verlassenen Bahnhof außerhalb Melbournes auf und ab marschierte, hatte ich das Gefühl, dass es nicht funktioniert. Bis die beiden Hunde des Stationsvorstehers sich urplötzlich rechts und links neben Cash setzten. Dieser Anblick verlieh seiner Gestalt etwas Ikonenhaftes. Das Ganze dauerte lediglich einen Augenblick. Hier kommen alle Elemente zusammen: Johnny Cash in Schwarz, der aussieht wie ein Prediger, das Weizenfeld, die Sturmwolken im Hintergrund." Und als das Bild dann erschien, meinte Johnny Cash, dass eines der Tiere für die Hölle stünde, das andere für Erlösung. Möglich sind Aufnahmen wie diese und andere im Buch nur, wenn auf das übliche Brimborium eines Fotoshootings verzichtet wird. Und als Andy Earl dann Johnny Cash 1997 für eine zweite Fotosession in seinem Haus erneut traf, war der Mann in Schwarz bereits krank, müde und zerbrechlich.
Die etwa 100 Abbildungen in diesem großformatigen Band zeigen also viel mehr als einen der ganz großen Stars der Musikgeschichte. Die Fotografien halten auch Momente fest, die den Betrachter mit aller Wucht auf sich selbst zurückwerfen und mich an barocke Gedichte und Gemälde von der Vanitas erinnerten. Und doch gelingt es immer wieder, die Ernsthaftigkeit von Johnny Cash so in Szene zu setzen, dass wir zumindest erahnen können, welche Kraft in einem Stolz liegt, der aus dem Innersten eines Menschen kommt.
Mein Fazit: Eine Hommage an Johnny Cash, an das Leben und seine Endlichkeit, die den Betrachter nicht ungerührt lassen kann. Und wer sich auf diese besonderen Bilder einlässt, wird auch die Musik des späten Johnny Cash nochmals neu entdecken und anders hören.