John Mayer war hierzulande, besonders nach seiner Schlafzimmerhymne "Your Body is a Wonderland" zu Unrecht als eine Art Schmuserocker mit eingängigen, aber leicht vergessbaren Popsongs eingeordnet. Dass das so gar nicht der Wahrheit entspricht (schon die Vorgänger-Alben waren vielversprechend), zeigt er auf dem Live-Album "Try!", das sich nur auf das Wesentliche konzentriert und damit vollends überzeugt:
Der erste Titel ist schon Programm: "Who Did You Think I Was" ist eine kantige, treibende Nummer im Stile von Hendrix (ohne brennende Gitarre ;)), den er auch mit einem großartigen Cover von "Wait Until Tomorrow" ehrt. Neben zwei gefühlvollen Neuinterpretationen von zwei alten Titeln von ihm (Daughters, Something's Missing) gibt es auch viel Neues aus diversen Sparten: das langsame, aber immens groovende "Vultures" ist m.E. das Glanzstück, daneben die absolut beeindruckende Ballade "Gravity", das noch am ehesten an den "alten" Mayer erinnernde, beseelte "Another Kind of Green", das treibende "Try" und das Durchhaltelied à la "I will survive": "Good Love is on the Way". Abgerundet wird's durch ein Jamie Foxx auf die Plätze verweisendes Ray Charles-Cover "I Got a Woman" und dem etwas aus der Reihe fallenden extrem bluesigen "Out of my mind".
Dieses Album ist einfach großartig, ich hör's rauf und runter. Soviel Seele in der Musik - das hatte mir schon lange bei Neuerscheinungen gefehlt. Auch Leute, die eigentlich bei Blues (grundlos) zurückschrecken, sollten es sich mal zu Gemüte führen: es ist manchmal einfach klasse, sich auf's Wesentliche zu konzentrieren.
Dabei sind sie auch nur zu dritt auf der Bühne - Mayer hat zwei top-level Studiomusiker für sein Trio gewinnen können, Pino Palladino am Bass (der schon für Eric Clapton, The Who, Elton John, Simon & Garfunkel, Jeff Beck, Melissa Etheridge, David Gilmour, Tears for Fears und Don Henley zupfte) und Steve Jordan am Schlagzeug (schon von den Rolling Stones, Eric Clapton, Sheryl Crow, Tom Jones, Billy Joel, James Brown, James Taylor, Neil Young, Blues Brothers, Steely Dan etc. verpflichtet). Dieses Trio weiß einfach, wie man gute Musik macht - und das zeigt das gesamte Album.
Wer bei dem Album an den seligen Stevie Ray Vaughan erinnert wird, liegt nicht falsch: SRV ist Johns großes Vorbild. Und John ist ein würdiger Erbe SRVs. Kaufen!!!