Die Tragödie um Madame Butterfly ist ein Hauptwerk Puccinis, manchen gilt sie als der Höhepunkt seines Werks schlechthin, und sie ist eine der meistgespielten Opern überhaupt. Ihre literarischen Vorlagen sind hingegen so gut wie vergessen. Die 1898 erschienene Kurzgeschichte Madame Butterfly des Amerikaners John Luther Long - neben Pierre Lotis Roman Madame Chrysanthème (1885) und David Belascos Theaterstück Madame Butterfly (ca. 1900) eine der drei Quellen Puccinis - ist im Original zwar als Taschenbuch lieferbar, deutschsprachigen Lesern ist sie jedoch nicht zugänglich. Die einzige jemals, nämlich 1910, veröffentlichte Übersetzung muss leider als misslungen bezeichnet werden und ist wohl deshalb bis heute nicht neu aufgelegt worden. Dabei sind gerade auch die Textversionen von Puccinis Opern eingehend zu betrachten. Schließlich zählte er zu jenen Komponisten, die sich nicht damit zufrieden gaben, bestehende Texte und Sujets zu vertonen. Er bemühte sich selbst intensiv um das Libretto, um den Einklang von Text und Ton. Dass er sich dabei gemeinsam mit seinen Librettisten - maximalen Bühneneffekt und größtmögliche Publikumsakzeptanz im Blick - dramaturgische Freiheiten", den wohl unvermeidlichen Gang ins Klischeehafte und kritisch zu hinterfragende künstlerische Kompromisse" zugestand, verwundert wenig und wird in der Regel hingenommen. Und doch sieht die Entstehungsgeschichte der Oper ebenso wie die Tragik ihrer Protagonistin mit anderen Augen, wer die Originalvorlagen tatsächlich kennt und den Wandel der Figuren im Zuge ihrer Vertonung nachvollziehen kann.
Die vorliegende Arbeit des Musikwissenschaftlers Georg G. Tremmel ist deshalb nicht allein für die Forschung, sondern auch für das Publikum von Bedeutung. Mit Sorgfalt und Hingabe, gleichwohl aus kluger Distanz hat Tremmel es sich als erster Wissenschaftler zur Aufgabe - und man ist geneigt zu sagen: zur Lebensaufgabe (seines jungen Lebens) - gemacht, den formalen und inhaltlichen Strukturen von Puccinis Vorlagen auf den Grund zu gehen und daran die Arbeitsmethode des Meisters und die Fortentwicklung dessen Werks nachzuzeichnen. Dabei erweist sich Tremmel aber ganz und gar nicht als Gefangener seiner Disziplin, sondern lässt vielmehr universalwissenschaftliche Ansätze erkennen, die bemerkenswert und für das Verständnis des Werks essentiell sind.
Den ersten Schritt in die Öffentlichkeit ist er nun mit seiner Analyse von John Luther Longs Madame Butterfly gegangen, ebenso intensiv und ganzheitlich setzt er sich mit Loti und der Vertonung von André Messager (Opera lyrique Madame Chrysanthème) sowie Belascos Madame Butterfly auseinander. Seine Arbeit über Lotis Madame Chrysanthème, mit der Puccini sich besonders intensiv befasste, erwarten wir deshalb mit Spannung.
Doch vorerst zu John Luther Long und seiner Darstellung der ungleichen Beziehung zwischen dem amerikanischen Marineoffizier Benjamin Franklin Pinkerton und der minderjährigen Japanerin Cho-Cho-San alias Madame Butterfly im ausklingenden neunzehnten Jahrhundert, zu einer Kurzgeschichte also, die nicht nur den clash of civilizations in seinem historischen Zeitrahmen verdichtet, sondern, besonders schmerzhaft, auch den clash zwischen Illusion und Wirklichkeit vorführt, wie er, sozusagen losgelöst von Zeit und Raum, Menschenleben zerstören kann.
Das zentrale Missverständnis zwischen Pinkerton und Cho-Cho-San ist nicht allein emotionaler Natur: Der eine sucht ein zeitlich begrenztes Abenteuer, die andere meint, die Beziehung fürs Leben eingegangen zu sein. Nein, das Missverständnis ist auch und vor allem rechtlicher Natur - das führt Georg Tremmel ebenso klar wie brisant vor Augen: Während der Amerikaner sich überhaupt nur auf eine Ehe mit Cho-Cho-San einlässt, weil er sie nach japanischem Recht schließen kann, also im Sinne einer Zeitehe", aus der man sich (als Mann) einigermaßen problemlos und ohne die Schuldfrage gestellt zu bekommen, verabschieden kann und die offenbar zu nichts verpflichtet, während er also ein vage gefasstes Recht zu seinem Vergnügen ausnutzt und sich letztlich darüber hinwegsetzt, lebt die Japanerin in dem Glauben bzw. in der vermeintlichen Sicherheit, nach amerikanischem Recht verheiratet zu sein. Schließlich hat sie einen amerikanischen Bürger geehelicht, in dessen Heimat die Ehe mit Anspruch auf ewige" Gültigkeit geschlossen wird. Wie gravierend die Missverständnisse sind, durchschaut die junge Frau spät, allzu spät. Bei Long ringt sie sich aber auch in größter Verzweiflung dazu durch, für ihren Sohn am Leben zu bleiben (Sie flieht mit ihm, um ihn seinem leiblichen Vater Pinkerton zu entziehen, an den sie den blonden Buben nach japanischem Recht zu verlieren droht). Bei Puccini sucht sie bekanntermaßen den bühneneffektvollen Freitod.
Cho-Cho-San ist Pinkertons gefälliges Spielzeug, seine Modellfrau", die er von ihrem natürlichen" Umfeld isoliert, an der er herummodelliert, solange er Lust dazu hat. Ein, sagt man aus heutiger Sicht, klarer Fall von Missbrauch - insofern spricht Georg G. Tremmel zurecht von Pinkertons Deformierungsplan". Butterflys wahre Identität interessiert Pinkerton ganz offensichtlich nicht, er ist ausschließlich mit ihrer Oberfläche beschäftigt und nimmt es - nur zu gern - in Kauf, dass sie ihn für eine Gottgestalt hält und ihm hörig wird. Ob er aber tatsächlich nach Plan", also wohlüberlegt vorgeht, als er sich Butterfly gefügig macht, oder nicht vielleicht einfach nach spontaner Neigung, die er ja vor niemandem rechtfertigen muss, und zum unmittelbaren Lustgewinn, ist aus Longs Kurzgeschichte nicht so eindeutig abzuleiten, wie Tremmel glauben machen will. Long spielt zwar auf die Leichtfertigkeit von Pinkertons Handeln an, kritisiert, wenn man so will, sein Herrscherdenken", unterstellt ihm aber nicht unbedingt Vorsatz. Überhaupt ist Long, das ist vielleicht seine größte Stärke, ein Meister des Weglassens. Er lässt viel Raum für Interpretation, auch in Bezug auf die Motive seiner Protagonisten. Möglicherweise greift Georg Tremmel deshalb gelegentlich ein wenig kurz oder, anders ausgedrückt, gesteht den Protagonisten weniger Vielschichtigkeit zu als Long selbst, wenn er sie, in seinem generell zu befürwortenden Mut zur Interpretation", auf bestimmte Handlungsabsichten oder Pläne" festlegt.
Ob es - dies als Beispiel am Rande - gerechtfertigt ist, dem Heiratsvermittler, der im Englischen marriage-broker, wörtlich nämlich Ehe-Händler, heißt, nachzusagen, er wollte die Ehe, die er vermittelt hat, ohnehin gleich wieder brechen bzw. zerbrechen sehen, ob Long also, wie Tremmel annimmt, den broker" als Brecher" verstanden haben wollte, ist eher unwahrscheinlich. Ausgeschlossen ist es freilich nicht; denn ebenjener Heiratsvermittler will die junge Madame Butterfly später mit einem anderen Mann (einem japanischen Prinzen) verkuppeln, weil er weiß, dass Pinkerton entgegen seiner Versprechungen nicht mehr zu seiner japanischen Frau zurückkehren wird.
Georg Tremmel, dem man ein großes Publikum und deshalb künftig mehr Leichtigkeit in seinen Formulierungen wünscht, setzt in seiner Arbeit aus gutem Grund voraus, dass seinen Lesern die Opernfassung der Madame Butterfly hinreichend bekannt ist. Trotzdem hätten mehr direkte Gegenüberstellungen von Longs Kurzgeschichte und Puccinis Libretto sein Debüt durchaus bereichern können. Ob er derlei in künftigen Arbeiten plant? Wir sehen weiteren aufschlussreichen Veröffentlichungen des Puccini-Spezialisten erwartungsvoll entgegen.