"Der Titel war Johns Idee gewesen. Eine "Double Fantasy" ist eine bestimmte Sorte von Freesien, die er während seines Urlaubs auf den Bermudas gesehen hatte. Freesien gehören zur Familie der Schwertliliengewächse und haben einen süßen Duft, und bei einer so genannten "Double Fantasy"-Freesie hat dieselbe Pflanze zwei verschiedene Farben. John liebte die Symbolik von zwei verschiedenen Farben. Seiner Meinung nach stellte eine "Double Fantasy" zwei Menschen dar, die zusammenleben und den gleichen Traum von einer Beziehung teilen, genau wie die zwei Freesienfarben sich dieselbe Pflanze teilen. Das war das Grundkonzept von "Double Fantasy".
Und der Name seines letzten Albums. Dies und noch viel mehr erfahren wir aus Bob Gruens Bildband über John Lennons Jahre in New York; eine Spanne, die ca. ein Jahrzehnt dauerte und sein Leben nach den Beatles bis zu seinem Tod umfasste. Gegen Ende scheinen es sehr glückliche Jahre gewesen zu sein. Bob Gruen fotografiert wesentlich besser als er schreibt, seine Bilder sind wunderbar. Er war nicht nur der persönliche Fotograf von John Lennon, sondern auch ein Freund und daher oft mit ihm zusammen oder einfach nur dabei. Die Kamera war wohl stets griffbereit, wenn auch nicht immer im Einsatz. Beim Blättern in diesem Band profitieren wir von dieser Nähe. John Lennon und Yoko Ono waren sich darüber einig, dass ihr Leben ein Stück weit auch visuell dokumentiert werden sollte. Denjenigen, den sie damit beauftragen wollten, mussten sie natürlich mögen und vertrauen. Bob Gruen erfüllte offensichtlich diese Kriterien. So entstand ein Vierteljahrhundert nach dem Tod "des" Beatles ein außergewöhnliches und intimes Portrait von John Lennon - und von Yoko Ono. Denn, wie Gruen schreibt: "Oft habe ich Menschen getroffen, die Yoko nicht mochten; sie mochten nur John. Nun, John mochte Yoko." So war es wohl. John Lennon liebte Yoko Ono. Diese Bilder beweisen es.
Darüber hinaus führen sie uns zurück in die 1970er-Jahre, die Zeit, in denen viele Beatles-Fans ungefähr so alt wie ihre Idole waren oder noch etwas jünger. Diese Klamotten und Frisuren und die Art vor der Kamera zu posieren, ist uns aus dieser Generation sehr vertraut; teilweise könnten es Fotos aus dem eigenen Album sein. Die Megastars jener Zeit versteckten sich noch nicht hinter gigantischen PR-Posen. Die Medien waren noch nicht allgegenwärtig und sie noch nicht totfotografierte Zombies. So konnten wir uns mit unseren Träumen noch ein Stück weit in ihnen erkennen. Das ist im Grunde noch nicht so lange her und doch eine gefühlte Ewigkeit entfernt.
Beim Zuschlagen des Buchs bleibt John Lennon zurück, eingefroren in den Zeitgeist der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Wir, die wir damals mit ihm jung waren, haben jetzt schon ein gutes Stück des Wegs, der unweigerlich zum Verfall, zum Vergessen führt, hinter uns. Er ist am Ziel und wird noch lange unvergessen bleiben. Traurig macht mich nur, dass sein Weg so kurz war.
Helga Kurz