Die Miniserie mit sieben Folgen (je ca. 60 Minuten) erzählt die Geschichte des (mir zumindest) eher unbekannten John Adams, der einer der tragenden Figuren der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung war und später zweiter Präsident der USA. Es beginnt mit seiner Zeit in Boston (wo er als Anwalt einen britischen Offizier gegen den Volkszorn vor Gericht verteidigt), über seine Arbeit im Kongress, der zur Unabhängigkeitserklärung führt, seine Tätigkeiten als USA-Botschafter in Frankreich, Niederlande und England, seine Zeit als Vize-Präsident und dann Präsident und schließlich sein Ruhestand. Alle Erzählungen erfolgen dabei streng aus seiner Sicht, also nur Ereignisse, bei denen er dabei gewesen ist (keine Schlachten, etc.). Er wird geschildert als ein weitestgehend prinzipientreuer, intelligenter, nüchterner, teilweise einnehmend-begeisternder, teilweise aber auch schwieriger-eigenbrötlischerer Charakter. Nichts wird beschönigt, die Gründung der USA nicht glorifiziert und auch die Person taucht mit all ihren Schwächen auf (z.B. seiner kalten Einstellung zu seinen Söhnen).
Die Serie ist sehr dialoglastig. Sie besteht zu weiten Teilen aus Gesprächen zwischen Politikern bzw. zwischen Adams und seiner Frau bzw. anderen Familienmitgliedern oder innerhalb dieser Familie. Das kann es manchmal einen Tick ermüdend machen, aber nur in sehr wenigen Sequenzen. Meist es ist eine sehr intelligente, unterhaltende 'Geschichtsstunde', die gekonnt die historischen Ereignisse mit der Darstellung der Person verknüpft.
Wie alle HBO-Produktionen ist auch diese technisch-handwerklich sehr aufwändig und eindrucksvoll. Kostüme, Kulissen, etc. sind auf sehr hohen Niveau. Die Dialoge sind überzeugend (manchmal etwas zu schwülstig und langatmig). Die Geschichtenführung ist in vielen Teilen sehr gelungen und verknüpft geschickt einzelne Ereignisse zu einem Gesamtbild des Lebens von Adams. Einzig wird mir die Zeit zu Beginn etwas zu lange beleuchet und v.a. seine Zeit als Präsident kommt sehr kurz. Da hetzt man fast ein wenig durch die Geschichte. Auch stört hier etwas der Fokus auf die kammerszenenartigen Geschehnisse im Hintergrund. Dadurch dass in keiner Szene Adams mal vor großem Publikum auftaucht, kriegt man nie das Gefühl, dass er eigentlich Präsident war und warum die Leute ihn gewählt haben (er wirkt nämlich wenig volksnah und populär).
Absolute Spitzenklasse (auf dem üblichen HBO-Niveu) einige Einzelszenen. Die Darstellung der Dekadenz am französischen Hof, die Fremdheit zwischen amerikanischer und englischer Politik (und die der Welt entrückte Haltung des englischen KÖnigs) in einer Audienz von Adams beim König, zwei Szenen der Heilkunst aus dieser Zeit (eine Pockenimpfung, eine Brustamputation) - das ist so unglaublich gut, eindrucksvoll, durchdacht, packend dargestellt, dass man mit offenem Mund vor dem Fernseher sitzt.
Zu den Darstellerleistungen: Sie enthalten einen zentralen Pluspunkt der Serie und leider auch ein großes Manko. Durchgehend gut sind die meisten kleineren und größeren Nebendarsteller (v.a. Stephen Dalline als Thomas Jefferson). Ausnahme: den urenglisch aussehende Tom Wilkinson als Benjamin Franklin und das aus Action-Streifen zu verbrauchte Gesicht des David Morse als George Washington halte ich für keine gute Besetzung.
Absolutes Highlight und atemberaubend gut ist Laura Linney als Adams' Frau. Sie spielt in einer Eindringlichkeit und Präsenz (mit sparsamen Mitteln), die sie in ihrer Brillianz auf die Ebene von Emma Thompson stellt. Wahnsinnig gut. Wenn sie in einer Stelle "Do not rob me of my happiness" zu ihrem Mann haucht oder festen Entschlusses ihre Kinder der gefährlichen Pockenimpfung unterziehen lässt - dann drückt sie dabei mehr aus, als manche deutsche TV-Heroine im Laufe einer 10teiligen Serie.
Das größte Manko ist leider der Hauptdarsteller: Paul Giamatti spielt handwerklich sehr, sehr gut. Er gestikuliert und artikuliert gekonnt, vielfältig und beeindruckend. Es bleibt aber bei hochwertiger Technik (!). Seine Figur bekommt keine Präsenz, keine Farbe, keine Persönlichkeit. Evtl. war das gewollt, denn Adams war wohl eher ein 'Langweiler' ohne große persönliche Ausstrahlung, aber hier stört es, v.a. neben der charismatischen Linney. Das ist keine Fehler des Schauspielers, sondern des Casting.
So schwingt bei allem Genuss immer auch ein leichter Beigeschmack mit, weil der Hauptdarsteller nunmal oft im Bild ist. Im Vergleich zu anderen HBO-Produktionen (mit charismatischen Hauptfiguren wie Ian McShane in Deadwood oder James Gandolfini in Sopranos) hätte das vier Sterne gegeben, im großen Vergleich mit allen TV-Produktionen aber doch noch fünf.