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Johannisnacht: Roman [Taschenbuch]

Uwe Timm
3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (14 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 256 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. November 1998)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423125926
  • ISBN-13: 978-3423125925
  • Größe und/oder Gewicht: 19,1 x 11,9 x 1,7 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (14 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 82.831 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Uwe Timm
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Sättigungsbeilage

Uwe Timm macht die Kartoffel literaturfähig

Von Stephan Krass

Die Kartoffel ist nicht eben ein zentrales Motiv in der europäischen Hochliteratur. Ihre Knollenform ist bei allen Ausschweifungen im Detail doch zu trivial, ihr Geschmackspotential nicht gerade originell und ihre Ansiedlung im Umfeld des banalen Hungers statt an der reich gedeckten Tafel des Appetits einfach zu offensichtlich. Zudem ist sie als Metapher in seriösen Kontexten eher ungeeignet. Indessen hat die Kartoffel trotz oder gerade wegen erwiesener Literaturuntauglichkeit eine hübsche kleine Karriere in der gesamtdeutschen Nachkriegsliteratur gemacht. Bei Erwin Strittmatter und Uwe Johnson, bei Günter Grass und Arno Schmidt und nun auch bei Uwe Timm. Stand sie bei Grass («Kartoffelsackwolken») und Johnson («Kartoffelsalat») eher an der Peripherie des Geschehens, rückt sie nun bei Uwe Timm, der mit der Currywurst schon mal ein kaum exklusiv zu nennendes Nahrungsmittel in den Adelsstand der Literatur erhoben hatte, ins Zentrum der Ereignisse. Diese führen zunächst auf den Acker der Politik.

Woran ist die DDR in Wirklichkeit zugrunde gegangen? An der Phantasielosigkeit ihrer sogenannten «Sättigungsbeilagen» und an der Unfreundlichkeit ihrer Kellner. Um den indifferent-wässerigen Geschmack der volkseigenen Kartoffel kulinarisch zu veredeln, hatte der Agrarwissenschafter Dr. Rogler ein Kartoffelarchiv mit Geschmacksregister angelegt. «Richtig zubereitet, sollte die Kartoffel für die DDR das werden, was die Nudel für Italien ist.» Eine Art staatspolitischer Integrationsmassnahme. Doch in der DDR hatten Köche und Kellner bereits abgewirtschaftet, bevor die Kulturrevolution der Kartoffel den marodierenden (Geschmacks-)Apparat noch hätte retten können. So blieb Dr. Roglers Kartoffelarchiv im Regal.

Erst als sich ein unter dem «writers-bloc» -Syndrom leidender West-Autor daran macht, den Kartoffelkatalog und seine Geschichte auszugraben, werden wir Zeugen, wie eine kulturrevolutionäre Aktion zwar nicht ein System vor der Havarie zu bewahren vermochte, wohl aber ausreichte, einen verhinderten Schriftsteller in den lösenden Strudel eines turbulent-grotesken Abenteuer-Reigens zu stürzen. Spätestens als er das Objekt der Begierde in Form eines sperrigen Umzugskartons mit allerlei Büchern, Karteikarten und einem geheimnisvollen Kirschholzkästchen aus einer Ostberliner Wohnung trägt, dämmert ihm, dass er in «eine völlig verrückte Geschichte» hineingeraten war.

«Erzählen ist total erotisch», sagt Tina, die eine wissenschaftliche Arbeit über die Karriere der Kartoffel in der deutschen Nachkriegsliteratur geschrieben hat und ihren Unterhalt nun einem anderen Nachtschattengewächs verdankt, dem Telefonsex. Dessen literarische Furore ist indes angetreten, die künstlerischen Triebe der Kartoffel in eine unscheinbare Kiste zu verbannen. Spätestens seit Nicholson Baker laufen die Leitungen heiss. Nun also auch scharfe Töne aus Timms Muschel. Doch dessen tragikomischer Autorenheld wird nur das Opfer misslicher Konstellationen: Das Telefon in seiner Altberliner Pension befindet sich in einer Nische des Frühstücksraums.

Später sehen wir den verhinderten Autor das mittlerweile abhanden gekommene Geschmacksregister aus Roglers Kartoffelarchiv per Annonce suchen und müssen erleben, wie eine zwielichtige Klientel dem Helden wider Willen empfindlich auf den Leib rückt. «Kartoffel» ist nämlich nicht nur die gebräuchliche Bezeichnung einer zumal in DDR-Zeiten verbreiteten «Sättigungsbeilage», sondern auch der Deckname für tschechische Panzerminen und bulgarische Flächensprengköpfe («machtbummdannweg»). So findet sich der frischgebackene Kartoffelspezialist in der Lobby eines Berliner Luxushotels unversehens einem mit allen Wassern gewaschenen Waffenschieber gegenüber, dessen Bodyguards ihn anschliessend durch die halbe Stadt jagen.

Timm zieht all diese in sich geschlossenen Sequenzen auf ein lose geknüpftes Band haarsträubender Grossstadtabenteuer, die er seinen Protagonisten mit schelmenhafter Leichtigkeit absolvieren lässt. Berlin ist in diesen Tagen und Nächten voller absonderlicher Begebenheiten. Mit sicherem Blick für die Komik des Alltäglichen führt Timm seinen Helden mitten hinein. Wir könnten noch von Moussa sprachen, dem Beduinen, der auf Grund eines interkulturellen Missverständnisses eines Tages von seinem Kamel steigt und nach Berlin reist, wo ihn die Galerie-Schickeria als Mulit-Kulti-Alibi rumreicht, oder von dem Beerdigungsredner, der bei einer nächtlichen Currywurst Inspirationen für die nächste Ansprache sucht. Aber dann können wir auch den leisen Einwand nicht zurückhalten, dass es für die Gesamtanlage dieses vergnüglichen Episodenromans von Vorteil gewesen wäre, wenn die einzelnen Sequenzen nicht nur durch die Auftritte des Protagonisten zusammengehalten würden, sondern auch über eine gewisse Zufälligkeit hinaus stärker ineinander verzahnt wären. Der beiläufigen Ironie und dem skurrilen Witz, mit dem Timm seinen Helden in das Abenteuer des verlorenen Kartoffel-Schatzes schickt, tut das jedoch keinen Abbruch. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

»Wirklich ein Glücksfall, diese "Johannisnacht" mit ihren unbeschwert-intelligenten Reflexionen über das deutsche Wesen, die genau den Witz und erotischen Biß aufweisen, den man bei deutschen Literaten so selten antrifft.«
Thomas Linden, Kölnische Rundschau

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Kundenrezensionen

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21 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
Es fängt alles damit an, dass ein Münchner Dichter für seinen neuen Roman keinen Anfang finden kann. Er raucht, beobachtet die Männerbesuche einer Frau im gegenüberliegenden Haus, kann überhaupt kaum schreiben. Plötzlich ruft ihn der Redakteur einer Zeitschrift an, und fragt ihn, ob er nicht lust hätte, etwas über die Kartoffel zu schreiben. Zunächst lehnt er das ab.

Dann wandern seine Gedanken zurück, zu seinem faulen, aber netten Lieblingsonkel Heinz, der sogar Kartoffelsorten schmecken konnte. Seine letzte Worte waren "Roter Baum". Niemand wusste, was das bedeuten könnte. Wegen dieses Geheimnis und der humorvollen Beschreibung des Onkels hat man einfach lust, weiterzulesen.

Dann beschließt er, den Artikel anzunehmen. Er fliegt nach Berlin, um das Kartoffelarchiv eines abgewickelten, verstorbenen DDR-Agrarwissenschaftlers anzuschauen. Der Tafelaufsatz dieses und der Geschichte überhaupt, ist ein sonderbarer Kartoffelgeschmackskatalog, der von der DDR als subversiv beobachtet wurde.

Dies führt ihn durch drei tolle Tage und Nächte, durch eine klüge Mischung von Humor, Tragödie, Gefahr, und Belehrung. Dass heißt, neben der Geschichte gibt Timm aus der Sicht des Münchners ein realistisches Porträt des großstädtischen Lebens nach der Wende. Ganz ähnlich wie in Kästners Fabian läuft die Hauptfigur durch die Stadt und beobachtet alles. Diese Geschichte ist aber überhaupt viel leichtherziger.

Ich bin ein britischer Leser und finde, dieses Buch ist nach deutschen Standards oft ungewöhnlich leichtherzig, wie mit den urkomischen Hinweisen auf Berliner Hunde, die der Münchner komisch findet, was natürlich gut ist.

Die ganze Struktur der Geschichte basiert auf der Nebeneinanderstellung solcher Leichtherzigkeit mit der Tragödie, der Gefahr, oder der Belehrung. Wenn alles in Ordnung zu sein scheint, geht es bald meist wieder schief, was ziemlich spannend ist.

Der Dichter ergattert endlich der wertvolle Katalog, verliert ihn aber bald wieder. Timm lässt das äußerst tragisch scheinen, obgleich der Leser natürlich weiß, dass so was in der Wirklichkeit nie existieren könnte. Dabei fehlt natürlich nicht eine traurige Liebesgeschichte.

Schon früh aber bekommen wir eine unangenehmere Perspektive auf Berlin, als der Dichter von Skinheads angegriffen wird. Danach kommt eine instruktive Beschreibung der Armut im Ostteil Berlins. Vor allem führt ihn ein Versuch, den Katalog wiederzubekommen, in ein gespanntes und gefährliches Szenario, dass jedoch nicht ganz unrealistisch ist.

Trotzdem ist die Gesamtstimmung des Romans nach deutschen Standards nie zu dunkel. Die Geschichte wird in der ersten Person erzählt, und ist so realistisch und detailliert, dass man fühlt, als ob man da wäre. Sie wird aber nie so detailliert, dass sie an Tempo verliert, und hat sogar fast Döblinischer Lebendigkeit.

Die Lösung ist an Tempo und Spannung besonders gut, und dann wird endlich das Geheimnis des roten Baums enthüllt. Überrachenderweise hat es mit der Kartoffel nichts zu tun. Insgesamt macht dieses Buch vor allem Spaß!

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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Daggi TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Wenn ich ein Buch von Uwe Timm einmal angefangen habe, kann ich es nicht mehr weglegen. Jahrelang begleiten mich seine Bücher schon, und nehmen mich in Beschlag. Sie fragen sich also "Ein Buch über die Kartoffel? - Gibt es das? Kann das interessant sein?" Seien Sie versichert: es kann!

Wissenswertes über die Kartoffel verknüpft mit einem Abstecher nach Berlin zur Zeit der Reichstagsverhüllung (also Mitte Juni 1995). Was ist deutscher als die Kartoffel? Bratkartoffel, Kartoffelsalat und Kartoffelkloß? Da werden Sie wohl nichts finden. Was ist deutscher, als der Reichstag? Schwer zu sagen.

Uwe Timm beschreibt als Ich-Erzähler diese drei Tage in Berlin als Momentaufnahme. Als schlechtbezahlter Journalist erhält er den Auftrag, einen Artikel zur Kartoffel zu schreiben. Seine Recherche führt ihn mit spleenigen Typen zusammen, lässt ihn erotischen Telefonsex genießen und er gerät in merkwürdige Verwicklungen.

Eine Ader für diese Art von Literatur braucht man freilich schon, sonst empfindet man sie, ich zitiere "als unrealistisch". Doch so absurd finde ich die Dinge bei näherer Betrachtung gar nicht - Herr Timm schaut nur sehr genau hin! Als Frau finde ich auch die seitenlange Passage über den Telefonsex nicht sexistisch, sondern eher erotisch, aber das ist vermutlich Geschmackssache.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
Kartoffeln?! Das Thema der Johannisnacht scheint trivial. Wie in Die Entdeckung der Currywurst dient Timm ein Nahrungsmittel als Aufhänger der Geschichte: Ein verhinderter Münchener Schriftsteller macht sich für einen Artikel auf die Suche nach dem Kartoffelarchiv eines verstorbenen DDR-Ernährungswissenschaftlers und der Antwort auf die Frage, was der Rote Baum des Onkels Heinz sei, und der Leser fragt sich zu Beginn der Erzählung, wie man in aller Welt über so etwas schreiben könne, zumal die Kartoffel alles andere als Spannung erwarten läßt. Innerhalb kürzester Zeit jedoch gelangt man in den Sog des Geschehens. „Man fängt mit der Kartoffel an und landet ganz woanders", und obgleich das Nachtschattengewächs das Leitmotiv der Erzählung ist, tut es der Lebendigkeit der Handlung keinen Abbruch.

Die Recherchen des Ich-Erzählers führen ihn ins Berlin zur Zeit der Reichstagsverhüllung, wo er in den Tagen um die Johannisnacht eine turbulente Odyssee durch das skurrile Großstadtleben macht. Er trifft auf aus verschiedensten Schichten stammende Charaktere, die alle zusammen das facettenreiche Berliner Nachwendeleben mit der Komik des Alltäglichen prägen und alle ihre eigenen kleinen Geschichten haben, welche einen Pflasterstein in des Ich-Erzählers Weg bilden: Skinheads, ein schwuler Beduine, ein Beerdigungsredner, Waffenschieber... Die Suche nach dem Kartoffelarchiv führt ihn zu Telefonsex und einer Polenhochzeit, Boomerangcalls und einer im wahrsten Sinne des Wortes schrägen Frisur.

Die Erzählung hat ein ungeheures Tempo, der Protagonist stolpert von einem Abenteuer ins nächste. Obwohl Timm zahlreiche detaillierte Einblicke gibt, fliegt beim Lesen das Geschehen nur so an einem vorbei, und der Leser will immer mehr Skurriles... und bekommt es. Man erlebt die Geschehnisse durch die Augen des Schriftstellers, man sucht verzweifelt, fühlt und lacht vor allem mit ihm. Und alles liest sich mit heiterer Leichtigkeit.

Am Schluß der Erzählung angekommen, fühlt der Leser sich jedoch in der Schwebe. Die Auflösung des geheimnisvollen Roten Baumes ist enttäuschend und es entsteht die Frage, was die ganzen Abenteuer mit einem langweiligen Kartoffelartikel zu tun haben. Doch schnell wird man sich bewußt, daß es nicht wirklich um die Kartoffel gehen soll, sondern darum, das Leben, das Denken sowie die Probleme des Berlins der 90er mit viel Witz und Ironie zu erfassen.

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Aberwitz und Knollen
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