Als Mitte der 80er Jahre John Eliot Gardiners
erste Aufnahme der Johannes-Passion erschien, setzte sie sowohl stilistisch als auch qualitativ einen Maßstab, der bis heute selten erreicht geschweige denn übertroffen wurde:
Die Homogenität, Transparenz und Phrasierungskunst des Monteverdi Choir übertrafen alle Konkurrenten bei weitem. Die English Baroque Soloists spielten mit einer von Originalklang-Ensembles noch unbekannten Präzision und Intonationssicherheit. Die Solisten - größtenteils Mitglieder des Chors - genügten ebenfalls hohen Ansprüchen. Aber es gab auch Kritik: Gardiners sehr schnelle Tempi, die bis ins kleinste ausgearbeitete Phrasierung wirkten auf viele Hörer künstlich und glatt.
Diesen Kritikern, aber auch allen anderen Liebhabern von Bachs dramatischsten Werk sei diese Neuaufnahme wärmstens empfohlen:
Fast 20 Jahre nach seiner Studioaufnahme hat der Dirigent im Jahr 2003 eine Aufführung mitschneiden lassen. Was live im Verhältnis zum Studio an Präzision und Perfektion naturgemäß verloren geht (1. Violinen), wird durch einen Zuwachs an Ausdruck und Lebendigkeit mehr als ausgeglichen.
Gardiner selbst ist ruhiger geworden, wählt entspanntere Tempi und lässt vor allem die Choräle etwas weniger durchgestylt, einfacher und frommer musizieren als früher. Auch die deutsche Aussprache ist noch besser als in der ersten Einspielung.
Die Solisten sind gleichwertig: Mark Padmore singt den Evangelisten nicht ganz die Eleganz von Anthony Rolfe-Johnson, interpretiert den Text aber mit mehr Temperament. Die von ihm gesungenen Arien sind eine Klasse für sich. Hanno Müller-Brachmann ist ein berührender Jesus. Peter Harvey (Bass) wünscht man nur mehr Volumen in der Tiefe, Katherine Fuge singt die Sopranpartie mit großer Süße, Bernarda Fink die Altarien sehr innig.
Kurz - eine rundum gelungene Aufführung, die auch als Aufnahme überzeugt, die Herz und Hirn gleichermaßen anspricht und die ich immer wieder gerne hören werde.