Schützens Passionen sind eine interessante Alternative zu denen von Bach, können sie doch in ihrem musikalischen Segment als ebenbürtig betrachtet werden. Zu gleicher Popularität werden sie es freilich niemals bringen, vollkommen unbegleiter, solistischer Gesang, der nur hin und wieder durch kurze Chöre aufgelockert wird, ist sicher nicht jedermanns Sache.
Umso beachtenswerter ist es, dass der Kreuzchor sich bereits vor vierzig Jahren an diese doch eher sperrigen Werke herangewagt hat. Herausgekommen ist eine dramatische Einspielung, die es mit den Heutigen professioneller Alte-Musik-Ensembles durchaus aufnehmen kann. Peter Schreier gelingt in seiner Rolle des Evangelisten immer die Gratwanderung zwischen Berichten von und Teilhaben am Geschehen, Peter-Volker Springborn fängt den im Johannesevangelium stets erhabenden, niemals mit seinem Schicksal hardernden Jesus wunderbar ein und Hans-Joachim Rotzsch gibt einen großartigen Pilatus, der zwar machtbewusst und eitel ist, deswegen aber noch lange keinen Unschuldigen kreuzigen möchte.
Die vier Psalmen Davids sind eine wunderschöne Dreingabe. Nicht nur die Solisten, sondern insbesondere auch das eindringliche Spiel von Capella Fidicinia überzeugt auf ganzer Linie.
Eine kurze Warnung aussprechen möchte ich aber vor dem Booklet, dessen Begleittexte offenbar 1:1 von der originalen DDR-Schallplatteneinspielung übernommen wurden. In einem Anhang wird Schütz im Zusammenhang mit "Die mit Tränen säen werden mit Freuden ernten" als Mensch dargestellt, der nach sozialer Gerechtigkeit strebte und die Nöte einfacher Menschen hatte beschreiben wollen. Wahr ist, dass Schütz sich bei seinem Kurfürsten häufig dafür einsetzen musste, dass seine Musiker auch bezahlt werden. Das war aber als Hofkapellmeister seine Aufgabe und den knappen Kassen zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges geschuldet. Mit "einfachen Menschen" dürfte er, der einem frühen Bürgertum entstammte, und an etlichen Fürstenhöfen Europas verkehrte, nicht viel in Kontakt gekommen sein. Der Zweck der Komposition dürfte somit rein liturgisch gewesen sein.
Zwar verurteile ich die Instrumentalisierung Bachs durch die Kirche nicht weniger als solche ideologische Verklärung, dennoch hätte das Label diese Passagen m.E. streichen oder ändern sollen.