Ist es möglich, von einer Aufnahme noch fasciniert sein, von einem Werk, das in einer Überfülle präsent ist?
Wieviele? Sicher um die fünfzig, wenn nicht mehr Aufnahmen gibt es von der Johannes-Passion.
Braucht es eine weitere? Im Prinzip nein, weil es viele hervorragende Aufnahmen gibt, Gardiner, Herreweghe, Veldhoven,Koopman und weitere.
Und dennoch...
"Die vollkommene Verbindung von Musik und Sprache steht im Zentrum des musikalischen Programms von La Chapelle Rhénane, das 2001 als Ensemble aus Gesangs- und Instrumentalsolisten von dem Tenor Benoît Haller gegründet wurde" so die Eigenbeschreibung.
Die neueste Aufnahme der Johannes-Passion von Bach-März 2010.
Eine elektrisierende Aufnahme. Nicht, weil die seltener eingespielte Fassung von 1725 zugrundliegt. Nicht, weil so überragende Solisten vorhanden wären ( wobei der junge Pregardien den Vergleich mit dem "alten" nicht scheuen muss).
Nein, der Zugriff auf das Werk ist es. Ein kleiner Chor.Am 1.4. wurde in der Süddeutschen thematisiert, Bach habe gar keinen Chor im eigentlichen Sinne besessen, anhand der Neuaufnahme der Matthäus-Passion von Kuijken, wies der Redakteur darauf hin, dass Bach immer mit Kleinbesetzungen musiziert habe. Ende März hatte Minkowsky in Hamburg die Johannes-Passion in Kleinstbesetzung aufgeführt.
Auch diese Aufnahme ist eine solche.Die Sänger."Tanya Aspelmeier et Salomé Haller, sopranos;Julien Freymuth et Pascal Bertin, contre-ténors;Julian Prégardien(Évangéliste), Michael Feyfar, Philippe Froeliger, ténors,Benoît Arnould (Jésus) et Dominik Wörner (Pierre, Pilate), barytons;Guillaume Humbrecht, Clémence Schaming, Benjamin Chenier.
Ich finde diesen Zugang überzeugend. Der Klang ist durchaus voll, aber zugleich so etwas von transparent. Haller nimmt manche Chöre in einem Tempo, das er bei einem grösseren Chor gar nicht anschlagen könnte ( Lasset uns den nicht zerteilen)und andere.
Dagegen könnte man einwenden, dies sei nun nicht mehr Passionsmusik sei. Aber Haller musiziert nicht durchgehend schnell. Die Choräle werden in einem gemässigten Tempo genommen, einzelne Arien ebenfalls,selbst die "Eilt-Arie" wird nicht einem übermässigen Tempo genommen.
Die im Stück vorhandenen Emotionen werden vollkommen ausgekostet ( Zerschmetter mich, die Tenor-Arie der 1725ziger Fassung und eigentlich durchgängig).
Ich kenne die Passion seit Jahrzehnten,habe sie selbst gestern wieder gesungen, auswendig, weil ich sie gut kenne.
Und höre die Aufnahme und bin begeistert.
Das wurde spontan mir die liebste.