Die Vokalwerke Johann Sebastian Bachs stellen gewaltige Anforderungen vor allem an die Gesangssolisten: Die sehr instrumental geführten Partien, die offensichtlich ohne Rücksicht auf sängerische Bequemlichkeit komponiert wurden, müssen technisch perfekt beherrscht werden, ehe sie ihren eigentlichen Gehalt an rhetorischem Ausdruck und musikalischer Schönheit offenbaren. So gehört es zu den verantwortungsvollsten Aufgaben eines Dirigenten, für ein Konzert oder eine Aufnahme die richtigen Sänger zu wählen -- und zu bekommen --, die ihre Leistung punktgenau und souverän abrufen können und gleichzeitig mit seiner Intention genügend vertraut sind.
Ton Koopman baute, im Unterschied etwa zu John Eliot Gardiner, viele Jahre lang auf ein konstantes Ensemble aus Barbara Schlick, Kai Wessel, Guy de Mey und Klaus Mertens, das er erst Mitte der 90er Jahre im Zuge seinen Bachkantatenedition modifizierte. Von dieser alten Besetzung, die noch den Kern bei der Anfang 1993 produzierten Johannespassion bildet, ist inzwischen nur der solide Klaus Mertens übriggeblieben.
Mertens, der über eine umfangreiche, aber eindeutig baritonale Stimme verfügt, hat in der vorliegenden Aufnahme ein wenig Mühe mit der sehr tief liegenden ersten Arie "Eilt, ihr angefochtnen Seelen"; das Arioso und die zweite Arie "Mein teurer Heiland" liegen ihm weit besser, denn seine Stimme verfügt in der höheren Lage über eine größere Farbenpalette.
Der Sopranistin Barbara Schlick gelingt vor allem die zweite, wegen ihrer Schwierigkeit gefürchtete Arie "Zerfließe, mein Herze" sehr gut. Die langen Bögen in oftmals unangenehmer Lage scheinen ihr nicht die geringste Mühe zu bereiten. Besonders hervorzuheben ist jedoch die Leistung von Gerd Türk, der als Arientenor zum Kern-Quartett hinzukommt: Die "Erwäge"-Arie, ähnlich fordernd wie "Zerfließe", vermag er nicht nur technisch hervorragend zu bewältigen, sondern auch überzeugend zu gestalten. In seinem erstem Stück "Ach, mein Sinn" wird deutlich, das seine Stimme 1993 noch Entwicklungsmöglichkeiten in puncto dramatische Expansionsfähigkeit hatte, aber ein Vergleich seiner Interpretation mit derjenigen von Neill Archer in der Einspielung von John Eliot Gardiner unterstreicht nachdrücklich Türks Qualität; Gleiches gilt auch für die zweite Arie, die Rufus Müller unter Gardiner zwar klangschön und glatt, aber viel weniger packend gestaltet.
Die Zusammenarbeit mit einer konstanten Besetzung, die sich im Solistenensemble nur teilweise bewährt -- Guy de Mey und Kai Wessel vermögen nicht vorbehaltlos zu überzeugen -- macht sich bei Koopmans Chor und Orchester, auch über Jahre hinweg in großen Teilen gleich bestückt, hörbar bezahlt: Die Musiker sind mit seinen Intentionen so vertraut, dass sie mit höchster Sensibilität reagieren und dabei in perfekter Ausgewogenheit harmonieren. Die Turbachöre sind geprägt von Brillanz und glänzender Virtuosität, und die Choräle offenbaren ihren theologischen Gehalt durch eine differenzierte, sprachnahe Gestaltung. Ton Koopman selbst bewährt sich einmal mehr als ein Meister der dramatischen Stringenz und der exakten Tempovorstellung. Die Passion mit ihren verschiedenen Ebenen von vorwärtsdrängender Handlung und innehaltender Betrachtung erfährt unter seiner Leitung eine fesselnde, bewegende Darbietung. Dazu trägt nicht nur sein Dirigat, sondern vor allem auch sein famoses Continuospiel bei, das allen seinen Aufnahmen eine individuellen Prägung verleiht. --Michael Wersin