Es wurde immer wieder behauptet, die Wahl der Tempi bei den Bachschen Passionen sei eben -Geschmackssache-. Ich versuche, dem mit einem begründeten Plädoyer für gemäßigte Tempi, wie sie in dieser Einspielung auch von Rotzsch gewählt wurden, zu widersprechen. Es ist keine Frage, dass ein Gardiner beispielsweise bei Turba-Chören durch schnelle Tempi einen sehr dramatischen Effekt erzielt. Ich behaupte aber, dass er andererseits damit wesentliche Strukturen verdeckt, die durch langsamere Tempi -wie beispielsweise bei Herreweghe in der Matthäus-Passion und insbesondere hier bei Rotzsch in der Johannes-Passion- viel klarer hörbar werden. Und sie sind für ein Erfassen der Bachschen Aussagen von entscheidender Bedeutung.
Dies sei an dem Turba-Chor der Johannes-Passion "Lasset uns den nicht zerteilen" exemplarisch aufgezeigt. Es geht um den Rock Jesu, den die Kriegsknechte beschließen im Gegensatz zu den übrigen Kleidungsstücken nicht zu teilen. Bereits beim erstmaligen Hören fällt die für einen einzigen Text-Satz ungewöhnliche Länge des Stückes auf. An zwei Stellen erwartet der Hörer bereits das sichere Ende - und dennoch fließt die Musik weiter, so als wenn sie kein Ende finden könne. Hier ist die Unendlichkeit mit musikalischen Mitteln hörbar gemacht worden. Die beiden Übergänge gliedern das Ganze in drei Abschnitte, die aber gerade nicht als einzelne Teile mit einer klaren Grenze trennbar wären, sondern ineinanderfließen, miteinander "durch und durch" verwoben sind wie der einteilige Rock Jesu - im Gegensatz zu dem teilenden Macht- und Besitzstreben der Kriegsknechte. Der Rock -wie das Musikstück- sind wie ein Gleichnis der Dreieinigkeit, zugleich aber auch der Unteilbarkeit des Lebens. Darin liegt die eigentliche Tiefe der Bachschen Musik sogar über ihre christliche Botschaft im engeren Sinne hinaus. Schaut man sich nun die Sing- und Instrumentalstimmen genauer an, so fallen wiederum drei nahtlos ineinander übergehende Themen auf: Erstens eine fast tänzerische 16-tel Bewegung als Steigerung einer vorherigen auf der Stelle eines einzigen Tones verharrenden 8-tel-Folge, zweitens eine von einem 8-tel abspringende Bewegung in 4-tel-Synkopen, sowie drittens eine die Taktzeiten stattdessen wieder klar betonende 4-tel Bewegung. Jede Stimme enthält ineinanderübergehend diese drei Formen. Sie erklingen aber auch gleichzeitig in den verschiedenen Stimmen. Hier drückt also jede einzelne Stimme wie eine leibnizsche Monade zugleich das Ganze aus. Es wird für den Hörer fast ununterscheidbar, ob es überhaupt einzelne Stimmen oder nur ein Ganzes gibt - so wie auch in der Monadologie eines Leibniz offen bleibt, ob es unendlich viele oder nur eine einzige Monade gibt. Man könnte daher sagen: das Übel beginnt in der Welt mit dem Teilen und Zählen. Die Vertonung all dessen lebt aber von der dynamischen Spannung der trotz ihrer Gleichzeitigkeit auch widersprüchlichen, gegeneinander spielenden drei musikalischen Formen. Auch darin zeigt sich eine über das Konzept der christlichen Dreieinigkeit weit hinausreichenden Tiefe der Bachschen Musik. Diese aber wird zerstört, wenn man das Tempo so flott anzieht, dass die 16-tel-Bewegung zu einer in ihrer tonalen Bewegung nicht mehr genau hörbaren, hektischen Bewegung verkommt und die feinen Strukturen in einem auf die gröberen Taktzeiten reduzierten, unruhigen Staccato verschwinden. In diesem Sinne gehen bei Gardiner die eigentlichen Aussagen Bachs zugunsten eines viel oberflächlicheren, dramatischen Stimmengewirr unter. Bei ihm konzentriert sich alles auf die Ebene der psychischen Verfasstheit der Kriegsknechte - der Dramatik ihres Handelns. Ich kenne keine Aufnahme, die dagegen diese Unteilbarkeit des Lebens derart plastisch und ergreifend hörbar macht wie diejenige von Rotzsch. Allem anderen, was positiv über diese Aufnahme gesagt wurde (herausragend Peter Schreier als Evangelist, usw.) kann ich nur zustimmen. Es braucht an dieser Stelle nicht nochmals wiederholt zu werden.