Aus der Amazon.de-Redaktion
Mit dem Titel
Johannespassion verbinden wir heute vor allem die musikalische Gestalt, die Johann Sebastian Bach diesem Text gegeben hat. Mit diesem Werk haben wir den Höhepunkt einer musikalisch-theologischen Entwicklung vor uns, die durch die glückliche Verbindung reformatorischer Impulse inklusive der deutschen Liturgiesprache und eng damit einhergehender kompositorischer Entwicklungen auf den Weg gebracht wurde. Die gewaltigen Ausmaße der Bachschen Passionen ließen sie freilich für den gottesdienstlichen Gebrauch schnell ungeeignet werden. Zuvor -- und weiterhin gleichzeitig im katholischen Raum -- begegnen wir der auf gregorianischen Melodiemodellen vorgetragenen Passion, die durch die lateinische Sprache, den Verzicht auf begleitende Instrumente und die grundsätzlich andere Art der musikalischen Umsetzung ein hohes Maß an Nüchternheit und Objektivität besitzt.
Der in Estland geborene Arvo Pärt greift mit seiner Johannespassion, entstanden 1982, auf jene ältere Form der Passionsvertonung zurück: Instrumente setzt er zwar ein, aber sehr sparsam und keineswegs konzertant wie bei Bach; die von ihm wieder verwendete lateinische Sprache schafft einerseits Distanz, aber gleichzeitig auch Internationalität, denn Latein war von der Kirche ursprünglich als Weltsprache der Kirche gemeint. Einfache, immer wiederkehrende melodische Formeln schaffen eine dichte, meditative Atmosphäre. Darüber hinaus reicht die Besetzung der Evangelistenpartie bei Pärt von der Einstimmigkeit bis zum Quartett, wodurch sich der objektive, allgemeingültige Charakter der Erzählung noch verstärkt. Die scheinbar simplen Mittel werden von Pärt genial eingesetzt und modifiziert, so dass ein großer, einheitlicher Verlauf entsteht, der kein Anfang und kein Ende zu haben scheint -- ein weiterer Schritt zur Globalität des berichteten Geschehens.
Der finnische Dirigent Tauno Satomaa und sein Ensemble musizieren das beindruckende Stücke höchst professionell und klangschön. Saubere Intonation, die unbedingte Vorraussetzung für die Wirksamkeit einer so "ungeschützten", offenen Struktur, ist hier weitgehend selbstverständlich, womit wir beim einzigen Kritikpunkt der Aufnahme angelangt wären: Die Gestaltung der Christuspartie durch Jorma Hynninen lässt sowohl in punkto Sauberkeit als ferner auch bezüglich der Vortragsweise ein wenig zu wünschen übrig: Jesus war bei seinem Tod kein muffiger älterer Herr, sondern ein 33 Jahre junger Mann; dieser Aspekt fällt in dieser wie auch in vielen anderen Einspielungen von Passionen leider ziemlich unter den Tisch. --Michael Wersin