Diese Aufnahme verdient einen Orden! Die Missa Cujusvis toni war die am weitesten verbreitete Messe Ockeghems. Ihre auffälligste Besonderheit besteht darin, dass sie ohne Schlüssel notiert ist und je nach gewähltem Modus sehr unterschiedliche Versionen gesungen werden können. Mit dem Kirchenton ändern sich auch harmonische Färbungen und expressive Qualitäten der Messe. Erst mit dieser Einspielung ist sie in den verschiedenen Versionen auch für Hörer zugänglich. Führt nicht ein so willkürliches Experiment zu einigermaßen sinnlosen Ergebnissen? Zumindest scheint mir persönlich die harmonisch spannungslose und sehr statische lydische Version deutlich schwächer als die anderen Versionen. Die ebenso dunkle wie lyrische phrygische Version hingegen gilt als Hauptversion und ist vielleicht die melodisch schönste und in ihrer Expressivität beeindruckendste. Doch kann sich jeder davon überzeugen, dass auch andere Versionen ihre eigenen immer wieder überraschenden Wunder von Klangschönheiten beherbergen: Die musikalische Dramaturgie ist in der feierlichen dorischen Version kaum weniger spannend, als in der phrygischen, wohingegen die entspanntere mixolydische Version mit besonders farbenprächtiger Durhelligkeit besticht.
Die Interpretation setzt zurückhaltend Akzente und lässt eher dem Spiel der Töne freien Lauf, was dem Ganzen einen eher offenen, ungezwungenen Charakter verleiht. Der Klang ist rund, aber auch kraftvoll und prägnant in der Darstellung percussiver Qualitäten der Rhythmik. Auch ist die kompakte Dramaturgie des Werkes gut erfasst. Die Einspielung vermittelt dabei insbesondere in Sanctus" und Agnus Dei" den Eindruck einer Erhabenheit und Klangvollkommenheit, die die prägende Kraft Ockeghems auf die musikalische Welt seiner Zeit verständlich macht. Im Gegensatz aber zu der Neutralität in Hauptwerken späterer Meister wie Palestrina scheint bei Ockeghem noch eine Unmittelbarkeit durch, die in der Bildenden Kunst des Spätmittelalters bei Claus Sluter ihr Gegenstück findet. Und an emotioneller Reichhaltigkeit kann es dieses Werk durchaus mit einer Mahler-Symphonie aufnehmen. Darum mein Tipp: Wer eine Musik schätzt, mit der er sich immer wieder vertiefend beschäftigen kann, wer auf eine von Lied und Lyrismus bestimmte Ästhetik schwört, könnte bei Ockeghem fündig werden. Diese beispielhafte Missa Cujusvis-toni-Aufnahme bietet in ihrer Natürlichkeit und mit ihrem Gleichgewicht von sensibler und mächtiger Klanglichkeit einen guten Einstieg in die Klangwelt Ockeghems.