Sternstunden lassen sich nicht planen - sie geschehen. Bei dieser Aufnahme ist ein kleines Wunder geschehen. Carlo Maria Giulini hat die Wiener Philharmoniker und den Staatsopernchor mit seiner zutiefst noblen und liebevollen Art umfassend gewonnen und mit ihnen zusammen das Requiem von Brahms auf die Welt gebracht, wie wenn es direkt vom Himmel gefallen wäre. Das ist keine "Interpretation" - das ist das Werk selbst. Hier leuchten die Freude und der Friede der seelischen Welt wie Sonnenstrahlen hinein in die irdische Welt.
Das ist Musik, die heilt. Brahms hat ja kein Requiem im üblichen Sinn geschrieben (der Titel verleitet zu Missverständnissen) - es ist KEINE Trauermusik. Ganz im Gegenteil : in den von Brahms ausgewählten Texten und der Musik leuchten die Freude und die Liebe der Ewigkeit auf. Nach den seinerzeitigen Aufführungen waren die Mitwirkenden (im guten Sinne) wie "berauscht" : nicht müde nach dem langen Werk (74 Minuten) sondern so frisch, dass sie es am liebsten wieder von vorne begonnen hätten. Es ist seltsam : der letzte Akkord klingt im Zuhörer lange nach, heilsam und klar. Wenn man sich öffnet, ist diese Aufführung nicht "nur" ein schönes Stück Musik, sondern eine beglückende seelische Erfahrung.