Bachs h-moll-Messe mit dem Kammerchor Stuttgart unter Frieder Bernius - darauf haben sicherlich viele Bewunderer dieses Ensembles gewartet. Bernius hat seinen Chor im Laufe der Jahre zu einer besonderen Höhe des Chorgesanges geführt. Meiner Meinung nach bisher fast unerreicht. Seine phantastischen Klangvisionen, die ich in meiner Rezension zu seiner Aufnahme der Psalmen Davids (Schütz) bereits hervorgehoben habe, treten auch hier für dieses Bach-Werk zu Tage: Zunächst ist die lupenreine Intonation des Chores hervorzuheben, wie sie bereits zuvor z. B. in dessen neueren Mendelssohn-Aufnahmen zu bewundern war. Ich kenne kaum einen Chor, der diese Reinheit so hervorbringen kann, wie der Kammerchor Stuttgart. Für alle, die noch fein lauschen können und nicht Interpretationen bevorzugen, die einem jedes Detail aufdringlich einhämmern, ist diese Aufnahme genau richtig. Man höre sich nur den Schlussakkord des "Dona nobis pacem", die letzten drei Takte des "Credo" und des "Crucifixus" an. Kristallklar ist hier wohl das rechte Wort. Dennoch bleiben selbst die schwierigsten Einsätze samtig-weich. Beispiellos sind der hohe Sopran-Einsatz am Schluss des Kyrie (T. 51) und die trotz der Höhe weichen Einsätze im "Et incarnatus est" (vor allem T. 6, 26, 37), im "Credo"-Chor (T. 40), im "Confiteor" (T. 65/66) sowie die wie aus dem Nichts hervortretenden Stimmen im "Qui tollis" (sehr schön T. 32 und T. 37/38) und die engelsgleichen Oberstimmen im "Sanctus" (T. 3-4, 25-26, 39, 93-94). Dabei achtet Bernius auf die gleiche leicht abgetönte Färbung der Vokale in allen Stimmen (vgl. z. B. das "Adagio-Et-expecto", T. 135/136). Wunderbar ist auch die völlige Durchhörbarkeit und Homogenität des Ensembles: Man hat wirklich das Gefühl durch klares, reines Wasser auf den Grund eines Sees zu schauen und sogar die feinsten Verästelungen jeder "polyphonen Wasserpflanze" erkennen zu können. Manche Dirigenten erreichen dies, indem sie bestimmte Sätze besonders langsam spielen, sie sozusagen buchstabieren. Doch Bernius erzielt das allein durch die Umsetzung dieser besonderen Klangvorstellung. Mischt sich all dies wie hier mit dem obertonreichen, fein zeichnenden Klang des barocken Instrumentariums, dann ergibt sich ein farbiges, blühendes, abgerundetes Klangbild, dass das Ohr vollkommen sättigt und angenehm erfüllt. Betrachtet man die Aufnahme insgesamt, so sind nur kleine Abstriche zu machen: Fraglich ist, warum Bernius die einzelnen homophonen Rufe zu Beginn des Kyrie I so kurz und federnd hinwirft ("Kyri-E"): Am Ende der Akkordblöcke steht doch in fast allen Stimmen stets eine Viertel und keine weiche Achtel (T. 1 und 2, jeweils auf Zählzeit 3). Erst danach folgt eine Pause. Die Artikulation des "Kyrie-II"-Themas halte ich für übertrieben manieriert und das "Et resurrexit" gerät ihm arg schnell, so dass die feinen Koloraturen untergehen. Auch hätten die cantus-firmus-tragenden Stimmen (Bass und Tenor) im "Confiteor" wenigstens ein bisschen hervorgehoben werden können. Die in fast lombardischem Rhythmus interpretierten Sechzehntel im "Domine Deus", die sogar die Vokalsolisten übernehmen, können auf die Dauer ganz schön nerven. Die Vokalsolisten machen ihre Sache trotz geringer Abstriche gut: Im "Christe" hätte ich aber schon gerne - wie vorgeschrieben - einen zweiten Sopran und nicht den Altus gehört.
Resümee: Eine wunderbare Aufnahme, bei der es eben nicht um historische Aufführungspraxis als Selbstzweck geht, sondern die einzig und allein das Ziel hat, diese ganz eigene Klangvorstellung mit fein ausbalanciertem, samtig-weichem Ensembleklang umzusetzen. Dies steht ganz im Gegensatz zu den alten Interpretationen Harnoncourts, dessen groteske, aufdringliche Artikulation die Schmerzgrenze zeitweise überschritt. So hat sich die historische Aufführungspraxis mit den Jahren merklich gewandelt. Dies zeigt im Vergleich diese Aufnahme. Wichtig ist nicht irgendeine Aufführungspraxis oder das Instrumentarium, sondern einzig die Art und Weise WIE man musiziert. Und hier wird feinnervig gesungen und gespielt. Wer noch lauschen kann, ist hier richtig.