Die Vielzahl der Rekonstruktionsversuche der Markuspassion macht den Schmerz deutlich, den alle Bach-Liebhaber angesichts der verschollenen Musik Bachs empfinden. Obwohl man trotz der vermuteten Parodiebezüge zu anderen Werken Bachs nichts von der Vertonung weiß, versuchen sich manche Musiker und Musikwissenschaftler als selbstberufene "Komponisten" an der Textvorlage - und scheitern aus Mangel an kompositorischem und tonsetzerischem Können.
Dies gilt leider im Besonderen auch für diesen Versuch Ton Koopmans, der durchaus von seinen reichhaltigen praktischen Erfahrungen mit dem Bachschen Vokalwerk hätte profitieren können: Zum einen verwendet er die von der Bach-Forschung als naheliegend erachteten Vorlagen leider nicht. Ohne hier in eine detaillierte Analyse zu gehen: Zum anderen mangelt es ihm an einer grundsätzlichen Kenntnis der deutschen Sprache und ihrer Betonung. Es ist für die Feststellung dieser Tatsache auch völlig unerheblich, mit welchen Sängern er möglicherweise bei seinem Ergänzungsversuch zusammengearbeitet hat. Den Tonsatz hat er erstellt, und nicht Prégardien, der ihm - anders kann ich es mir nicht erklären - vielleicht nur hier und da einen verbessernden Hinweis gegeben haben wird. Was aber letztendlich zählt, ist einzig und allein das klingende Ergebnis - das was man als Musiker hört. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen, wahllos herausgegriffen: Während im ersten Rezitativ seltsamerweise "Und NACH zween Tagen" betont wird, hebt Koopman im zweiten die eher nebensächlichen Worte "ein" und "und" durch ungeschicktes Melisma hervor: "...da kam ein Weib, die hatte e-ein Glas mit ungefälschtem u-u-und köstlichem Nardenwasser..." usw. Unfreiwillig komisch!
Koopman versucht zwar die äußerliche Erscheinung der Rezitative Bachs mit ihren weit ausholenden Intervallsprüngen nachzuahmen, doch unterlaufen ihm dabei leider eine Reihe sehr ungeschickter Modulationen. Weiterhin fehlt es ihm sowohl an kompositorischer Finesse als auch an musikalischem Tiefgang - er bleibt im rein Äußerlichen stecken. Die Rezitative erscheinen - gerade wenn Koopman einzelne Worte harmonisch oder melodisch hervorhebt - nicht in einen großen Bogen eingebettet, wie man es von Bach kennt, sondern als im Detail steckenbleibende Stückwerke.
Überhaupt scheinen Koopmans Rezitative völlig ziellos umherzuirren, man höre z. B. den Satz "Und alsbald, da er noch redete, kam herzu Judas". Als Vergleich zu dieser stümperhaften Vertonung, möge man sich an Bachs erstes Rezitativ aus der Johannespassion erinnern, das in genialer Weise die wechselnde Perspektive des Textes wiedergibt: "JESUS ging mit seinen Jüngern über den Bach Kidron ... JUDAS aber, der ihn verriet..." Das Wort "Jesus" ist bei Bach als fallender Moll-Dreiklang vertont. Bei "Judas" erklingt dagegen ein fallender verminderter Dreiklang: So werden beide Personen als Gegensätze aufeinander bezogen und charakterisiert, wobei zugleich ein Bogen zwischen beiden Abschnitten der Erzählung erzielt wird und dennoch die erzählende Schlichtheit des Ganzen gewahrt bleibt.
Solch formale Finesse erreicht Koopman nicht im Entferntesten. Zwar hat auch er Einfälle in der Detaillgestaltung, setzt sie aber nicht in Beziehung zur Entwicklung des ganzen Satzes - er scheint wie gefangen im Detail. Ähnliches kann man interessanterweise auch oft von der Art seines Musizierens sagen - vor allen Dingen, wenn er in seinen entsprechenden Einspielungen Bachs Orgelwerke gnadenlos mit teilweise unmusikalisch eingesetzter Artikulation vollständig zerhackt. Ob zwischen beiden Sachverhalten tatsächlich ein Zusammenhang bestehe, der Rückschlüsse auf die Musikalität Koopmans zulässt, möge ein jeder für sich selbst beurteilen...
Das ist es wohl, was man manchen, die sich zum Komponieren berufen fühlen, sagen muss: Der Einfall ist nicht wesentlich, denn Einfälle haben viele. Die Bedeutung eines Einfalls zeigt sich erst in dem, was ein Komponist aus ihm zu entwickeln imstande ist.
Im "Creutzige-ihn"-Chor verwendet Koopman den Schluss-Teil ("Halleluja") des Eingangschores von Kantate BWV 4, doch ist die Vorlage schlecht gewählt, da sich das Wort oft nur mit falscher Betonung unterlegen lässt: "Creu-TZI-ge ihn!". Wie in Bachs Vorlage zu hören ist, können die Silben des Wortes "Halleluja" jedoch auf unterschiedliche Arten betont werden (vgl. diesbezüglich auch das berühmte "Halleluja" aus Händels "Messiah"). Dies lässt sich aber nicht einfach auf das Wort "Creu-tzige" übertragen. Wie ungeschickt ist nicht auch die Deklamation z. B. im Chor "Siehe, er ruffet dem Elias" im Vergleich zur eleganten Bachschen Vorlage - dem Mittelteil des Eingangschores von Kantate BWV 46: "Denn der Herr hat mich voll Jammers gemacht"!
Resümee: Bachs Werke aufgeführt und auf Tonträger eingespielt zu haben, bedeutet noch lange nicht, gute, an Bach orientierte Stilkopien anfertigen zu können. Insgesamt gesehen wirkt das Ganze eher wie ein zufällig zusammengestellter "bunter Strauß" Bachscher Kantatensätze. Koopman wollte offensichtlich "eine persönliche Lösung" des Problems "Markuspassion" erreichen. Dies sei ihm als Privatvergnügen auch durchaus gegönnt. Aber warum muss man solch Misslungenes dann auch noch unbedingt veröffentlichen? Scheint es dann nicht reichlich anmaßend, über dem Ganzen auch noch den großen Namen "Bach" zu setzen, damit sich alles auch bitteschön gut verkauft?