Diese Rezension ist eigentlich ein Vergleich des vorliegenden Buches mit demjenigen von Kilzer/Rogall über Joel & Ethan Coen. Beide Bücher sind auf die eine oder andere Art sehr ansprechend, beide haben aber auch geringe Schwächen. Der vorliegende Band ist der "größere, schwerere", im Guten wie im Schlechten. Er ist dicker, enthält mehr Text und mehr Bilder in besserer Qualität. Wie immer bei Bertz & Fischer sind diese Bilder punktgenau an der passenden Textstelle angeordnet und somit Teil der Erörterungen statt schmuckes Beiwerk. Nach einem kurzen Interview mit den Coens folgen Essays zu den einzelnen Filmen. Während im Band von Kilzer/Rogall die beiden Autoren alles selbst geschrieben haben, sind Körte/Seeßlen vorliegend "nur" Herausgeber, haben zwar einiges selbst geschrieben, aber für vieles andere Autoren engagiert. Dem Band ist also eher Sammelwerk als derjenige von Kilzer/Rogall. Das meine ich erst einmal nicht wertend; der Blick verschiedener Autoren kann äußerst gewinnbringend sein. Meist ist er das auch. Viele Beiträge gehen mehr in die Tiefe als der ebenfalls schon gute Kilzer/Rogall. Besonders erfreulich ist, dass - anders als bei der Konkurrenz - auch "Crimewave" von Sam Raimi ein eigenes längeres Kapitel gewidmet bekommen hat. Zu diesem Film haben die Coens das Drehbuch geschrieben, bevor sie ihre Scripts selbst inszenieren sollten. Diese grelle Krimifarce einmal ausführlich vorgestellt und analysiert zu bekommen, ist eine reine Freude, zumal der oft sehr anspruchsvoll schreibende Georg Seeßlen seinen Hang zum Verschwurbelten zurückgefahren hat und seine Liebe zu comic-artigem Trash stärker zur Geltung kommen lässt - bei zugleich großer Sachkenntnis. Bestechender als hier habe ich noch nie das Phänomen der "life cartoonery" erklärt bekommen. Indem beschrieben wird, wie hier ein Realfilm nach den Gesetzen des Cartoons (mit deutlichen Anleihen bei Tex Avery) funktioniert, werden auch die Gesetze des Cartoons selbst plastisch vor Augen geführt. Als Beispiel ist die Beschreibung der Szene zu nennen, in der ein Mann aus dem Hochhaus fällt, auf die Straße kracht und gegen alle Plausibilität feststellen muss, dass ihm nicht das Geringste fehlt. Gerade als er deswegen zu lachen beginnt, erfasst ihn ein Auto, und er klebt tot, aber immer noch mit dem Lachen an der Windschutzscheibe. Ja, so war das bei Bugs Bunny, Tom & Jerry, Donald Duck und anderen...
Die weiteren Analysen sind ebenfalls bestechend, teils eigenwillig und gewagt, aber nie unverständlich, sondern im positiven Sinne mutig, und unterfüttert von tiefer Sachkenntnis der Filme sowie ihrer Hintergründe (des Inhalts, des visuellen Stils, der Erzähltechnik). Am Schluss ist es leider ausgerechnet Seeßlen, der den Tiefpunkt setzt. Ich gebe freimütig zu, im Kapitel "Spiel. Regel. Verletzung. Auf Spurensuche in Coen Country" (das mit Abstand längste Kapitel) herzlich wenig verstanden zu haben. Wild schmeißt Seeßlen mit Bezügen aus so ungefähr jeder Kultur und Geisteswissenschaft um sich, dass ein Rezensent einmal treffend bemerkte, Genie und Wahnsinn seien nah beieinander. Dabei ist schon spürbar, dass Seeßlen sehr viel weiß und auch weiß, was er sagen will Ein Beispiel für einen Satz, der irgendwie interessant ist, aber der zu geballt und leserunfreundlich mit zu vielen verschiedenen Verweisen um sich wirft, ist hier (S. 246): "Und es gibt die Verdoppelung: In 'Raising Arizona' gibt es das durchgedrehte Gangsterpaar, aber alle Figuren begegnen auch ihrer eigenen negativen Spiegelung, wie Barton Fink Karl Mundt oder H.I. dem wahnsinnigen Biker, Barnes, dem aufgedrehten Liftboy, der schließlich seine Nemesis wird, Tom Reagan seinem (jüdischen) Gangster-Widerpart. Eine Konstruktion von Handlung und zugleich, gewiss, das theologische Grundproblem: Ich bin ich. Der erste erschreckende Schritt des Bewusstseins. Und: Ich bin jemand anderes. Der zweite erschreckende Schritt des Bewusstseins. (Es ist, wenn wir uns einen frivolen Schlenker in europäische Vorstellungswelten erlauben dürfen, die Begegnung des Hölderlin-Menschen, der ,den Gott in sich spürt', mit dem Menschen von Franz Kafka, der aus Furcht vor der Macht des Prinzips, den inneren Monolog beginnt." (Das falsche Komma nach "des Prinzips" folgt dem Original.)
Uff! Stattdessen hätte dem Buch ein so geniales Kapitel wie dasjenige über die Bildkompositionen der Coen-Brüder bei Kilzer/Rogall angestanden, in dem letzterer kenntnisreich und sehr anschaulich filmische Wirkungen gut bebildert erläutert und über die Coens hinaus ein Filmverständnis ungemein fördert. Dennoch: Die deutlich überwiegenden Vorzüge des Buches sichern ihm seine vier Sterne. Die Aktualisierung um ein Kapitel über "O Brother, Where Art Thou" ist mittlerweile verfügbar, aber ich habe sie nicht gelesen und rezensiere daher hier die Erstauflage. Mittlerweile haben die Coens mehr als nur einen weiteren Film gedreht. Für eine Neuauflage wäre es mal wieder Zeit. Sie müsste gar nicht viel dicker werden...