Ein Dokumentarfilm über den Frontmann der Punk-Rock-Gruppe The Clash warum sollte man sich das angucken? Ist Joe Strummer einer breiten Masse ein Begriff? Wohl kaum. Den Bandnamen hat man vielleicht schon einmal gehört, bei den Songs "Should I stay or should I go?" und "London calling" klingelt es vielleicht bei dem ein oder anderen, aber im Großen und Ganzen ist dies wohl eher ein Nischenfilm für Musikbegeisterte. Völlig zu unrecht! Denn so werden Viele eine der besten Musik-Dokumentationen verpassen, die je gemacht wurden.
Was Regisseur Julian Temple hier in 123 Minuten zusammengetragen hat, ist ein wahres Feuerwerk an Informationen, toller Musik, rasanten Schnitten, verschiedenen Erzähltechniken (animierte Cartoons, Live-Aufnahmen, Joe Strummers Stimme aus dem Off, Interviews mit Freunden, Dokumentaraufnahmen vom London der 70er Jahre usw. usf.) und ergreifenden Statements. Die erste halbe Stunde grenzt manchmal hart an Reizüberflutung, so schnell prasseln wechselnde Bilder und eine ungeahnte Fülle an Informationen auf einen ein. Aber genau das gibt dem Film einen unheimlichen Drive, man ist von Beginn an fasziniert und mitgerissen vom Geschehen und mittendrin.
Joe Strummer (eigentlich John Mellor) wurde 1952 als Sohn eines englischen Diplomaten in der Türkei geboren. Durch den Beruf seines Vaters kam er viel rum, selbst in Deutschland (Bonn) hat er zwei Jahre gelebt. Im Jugendalter wurde er allerdings von seinen Eltern ins Internat gesteckt, was ihm schwer zu schaffen gemacht hat. Bereits dort fiel die Entscheidung, Musiker zu werden. Im London der 70er Jahre schloss er sich der Hausbesetzer-Szene in West-London an und lernte so seine ersten Bandkollegen kennen. Die Gruppe nannte sich "101ers", nach der Hausnummer des besetzten Hauses, in dem sie wohnten. Nach einem Auftritt mit den Sex Pistols entschied sich Joe Strummer jedoch, die 101ers zu verlassen und eine neue Band zu gründen, "The Clash". Mit ihr erschuf er einen völlig neuen Musikstil, der, gepaart mit den sozialkritischen Texten der Band, weit über das hinausging, was in der damaligen Punk-Szene propagiert wurde. The Clash mixten Reggae- und Jazzelemente in ihre Punkrock-Songs und fühlten sich stets berufen, politische und soziale Missstände in ihren Songs anzuprangern. Im Gegensatz zu anderen Punkrock-Bands "beschwerten" sie sich nicht nur über die momentanen Zustände, sie riefen auch zum Kampf gegen soziale Ungerechtigkeiten auf und regten ihre Fans stets zum Nachdenken an. Joe Strummer hat sogar einmal ein kostenloses Konzert für die Feuerwehrmänner seines Stadtteils gegeben, als sich diese im Tarifstreik befanden, um seine Solidarität zu bekunden.
Nach ihrer Gründung 1976 spielte The Clash fast 10 Jahre lang vor ausverkauften Häusern, auch in den USA waren sie extrem erfolgreich. Diverse Mitgliederwechsel innerhalb der Band, Streitereien und Drogen führten schließlich 1985 zur Auflösung. In den darauf folgenden Jahren war Joe Strummer als Filmmusik-Komponist, Schauspieler und Sänger in verschiedenen Bands (meist als "Aushilfe" am Klavier oder, wie bei den Pogues, als Leadsänger) tätig, bevor er 1999 noch einmal eine eigene Band gründete, "The Mescaleros". Mit ihnen brachte er noch drei erfolgreiche Alben heraus, bevor er am 22. Dezember 2002 völlig unerwartet an einem Herzinfarkt starb. Er wurde nur 50 Jahre alt, hat aber der Musikszene seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stempel aufgedrückt, der viele Bands der nachfolgenden Jahrzehnte massiv beeinflusst hat.
Ganz zum Ende des Films wird dieser ein ganz klein wenig zu lang, Aussagen fangen an, sich zu wiederholen und es scheint , als wollten die am Lagerfeuer (Joe Strummer liebte Lagerfeuer) sitzenden Freunde einfach nicht nach Hause gehen. Dennoch versteht es Julian Temple meisterhaft, Joe Strummers Wirken und Schaffen in Szene zu setzen. Die Musik ist mitreißend, die Statements seiner Freunde und Familie ergreifend, die Interviews mit Johnny Depp, Matt Dillon, Steve Buscemi, Damien Hirst und Bono von U2 geben interessante Einblicke in das, was Joe Strummer bei jedem einzelnen von ihnen bewirkt hat. Joe Strummer war eine faszinierende und tiefgründige Persönlichkeit, die stets zu ihren Aussagen stand und ihre Ideale nie verkauft hat. Sowohl Film und Soundtrack als auch die Alben von The Clash und The Mescaleros sind wärmstens zu empfehlen. Ein rundum gelungenes Stück Musik-Filmgeschichte inkl. einem der vielschichtigsten Leadsänger, den die Musikszene je hervorgebracht hat. Und die Musik ist wirklich richtig, richtig gut!