Der 14-jährige Schrotthändler-Sohn Fransje bleibt nach einem Unfall gelähmt, lediglich seinen rechten Arm kann er noch bewegen. So ist er nicht nur gefangen im eigenen Ich, sondern auch in der Provinzialität eines holländischen Kleinkaffs, ausgestattet mit einer Familie, die mit dieser Situation hoffnungslos überfordert ist. Leben und Zukunft erscheinen ihm also nicht gerade rosig bis zu dem Tag, als er Joe Speedboat kennenlernt, einen gleichaltrigen Neuzugang, der sich bereits mit Bombenbasteln in der Dorfgemeinschaft einen gewissen - wenn auch zweifelhaften - Ruhm erworben hat.
Joe ist ein aufgeweckter Treibauf und Tausendsassa, der Fransje bar falschen Mitleids oder Scham ganz natürlich behandelt und ihn ohne viel Federlesens in seine vielfältigen Aktivitäten einbindet, so zum Beispiel, als es gilt ein Flugzeug zu bauen, um eine vermeintlich nacktbadende Nachbarin auszuspähen. Über etliche Jahre sind die beiden unzertrennlich und mit Joes Unterstützung startet der kraftstrotzende Rollstuhlfahrer gar eine vielversprechende Karriere als Armwrestler, Künstlername "Frans der Arm". Allerdings steht die echte Nagelprobe ihrer Freundschaft noch bevor und zwar - wie sollte es anders sein - in der verlockenden Gestalt einer schönen und geheimnisvollen Frau...
"Joe Speedboat" ist bereits der vierte Roman des Holländers Tommy Wieringa, aber der erste, der nun auf Deutsch vorliegt. In witzigen anekdotenhaften Episoden erzählt er seine Geschichte, die jedoch keineswegs nur heiter und unbeschwert verläuft. Der Autor kommt dabei gänzlich ohne falsches Pathos oder Betroffenheit aus; auch schwerste Schicksale werden mit stoischer Sachlichkeit und feinem Humor beschrieben. Auch die Nebenrollen sind trefflich besetzt; die bunt gemischten Charaktere erinnern in ihrer Skurrilität streckenweise an diverse Protagonisten bei John Irving. Die Titelfigur dagegen hätte ein bisschen mehr Tiefe gut vertragen, aber man kann wohl nicht alles haben.
Fazit: Ein kurzweiliges Lesevergnügen, erfrischend unterhaltsam!