Ich habe Joe Cocker im Sommer '89 auf der Tournee zu seiner damals aktuellen Platte "One Night of Sin" erlebt, es war ein toller Auftritt, und diese CD ist eine sehr gelungene Erinnerung an dieses Konzert. Einen Pluspunkt gibt es allein schon dafür, dass alle verwendeten Songs vom selben Auftritt (am 5.10.'89 in Lowell, Massachusetts) stammen, eher eine Seltenheit.
Leider ist mit 73 Minuten die Spielzeit der CD nicht ausgereizt, und die Tatsache, dass man hinten ans Konzertende zwei Studiotitel (What are you doing with a Fool like me und Living in the Promiseland) drangehängt hat, die von anderen Musikern eingespielt wurden und leider auch nicht so rocken, stellt für mich einen Bruch im Hörerlebnis dar. Dies umso mehr, als auf den Maxi-Singles dieser beiden Songs als Bonustitel Bad bad Sign bzw. Another Mind gone und Many Rivers to cross (höchstwahrscheinlich vom selben Konzert) veröffentlicht wurden. Hätte man die Studiotitel vom Album weggelassen und sie nur auf den Maxis veröffentlicht, wäre für diese 3 Live-Titel noch Platz gewesen, und wir wären am Gesamteindruck des Konzerts noch näher dran.
Die Songauswahl bietet einen interessanten Streifzug durch Joe Cockers Karriere mit dem Schwerpunkt auf den frühen Platten und seinen stärksten Hits aus den 80ern: von seiner ersten Platte bringt er ein sehr entspanntes Feelin' alright? und natürlich seinen unverwüstlichen Klassiker With a little Help from my Friends in einer neunminütigen Version, die den Saal wirklich zum Kochen bringt. Von der zweiten Platte bringt Cocker interessanterweise Hitchcock Railway und She came in through the Bathroom Window, The Letter von der "Mad Dogs & Englishmen" ('70) und - als Schlussnummer - High Time we went ('71) in einer über siebenminütigen Version, die mehreren Bandmitgliedern Raum für Improvisationen über völlig andere Themen gibt, um dann immer wieder in den stampfenden Song einzumünden.
Die 70er sind mit zwei weiteren Klassikern - You are so beautiful und Guilty, beides Klavierballaden - etwas unterrepräsentiert, was dem Konzert natürlich keinen Abbruch tut. Mit Up where we belong (Maxine Green kommt natürlich nicht ganz an Jennifer Warnes heran), Shelter me, You can leave your Hat on, Unchain my Heart und When the Night comes kommen dann seine größten Hits aus den 80ern zum Zuge. Die Platte ist klar und druckvoll produziert, die professionelle Band in toller Spiellaune, und trotz der großen Besetzung (zwei E-Gitarren, 2-3 Keyboards, 3 Bläser (The Memphis Horns), 3 Backgroundsängerinnen, Saxophon und Percussion nebst der Rhythmusgruppe) spielt sie so homogen und songdienlich, dass Joe nie in den Hintergrund gedrängt, sondern immer getragen und unterstützt wird. Er selber ist bei sehr guter Stimme, er klingt sehr kraftvoll und nicht so heiser, wie man es erwarten könnte (s. seinen Urschrei bei With a little Help...); vielleicht hat man vor dem Mitschnitt 2, 3 Tage Tourpause abgewartet.
Die Songabfolge ist abwechslungsreich und die Produktion bezieht das Publikum sehr "live-haftig" mit ein; schade eigentlich nur, dass es keine Doppel-CD geworden ist; mich hätte der Mitschnitt des gesamten Abends interessiert!
Bleibt noch anzumerken, dass Joe Cocker meiner Meinung nach nie wieder so gerockt hat wie mit dieser homogen zusammen gestellten Band; in den 90ern drifteten seine Platten immer mehr in einen radiotauglicheren Pop-Rock-Mainstream ab, seine Begleitmusiker wurden austauschbarer, und auch bei der Songauswahl ließ er sich in späteren Jahren öfters nicht so glücklich beraten. Aber bei dieser Platte und mit dieser Band ist er nochmal so richtig mit Herz und Seele dabei!