JOE BONAMASSA - DRIVING TOWARDS THE DAYLIGHT
Es klingt wie das Bekenntnis zu einer Musikepoche, die nachweislich in die Rock-Annalen eingegangen ist, und es klingt wie das Bekenntnis zu seiner Musik: „Ich bin ein britischer Typ“, erklärt Joe Bonamassa, 34 Jahre alt, New Yorker, und absoluter Superstar des zeitgenössischen Bluesrocks. Wer sich Driving Towards The Daylight anhört, die neueste Studioscheibe des amerikanischen Ausnahmemusikers, erkennt sofort, was der Mann damit meint: Free-Gitarrist Paul Kossoff war erklärtermaßen ebenso einer seiner ersten Idole wie Eric Clapton und Jeff Beck. Früh schon entdeckte er die englische Bluesrock-Szene der Siebziger mit Bands wie eben Free, Cream oder John Mayall & The Bluesbreaker. „Ich lernte von den Engländern mehr über Blues als von amerikanischen Musikern“, sagt er. Woran dies liegt? „Keine Ahnung, manche bevorzugen halt Pepsi, andere Coca Cola. Es ist einfach eine Frage des Geschmacks.“ Dass die internationale Presse ihn in zunehmendem Maße im gleichen Atemzug mit all diesen Legenden nennt, kommt nicht von ungefähr: In künstlerischer Hinsicht gibt es zurzeit keinen bedeutenderen und einflussreicheren Gitarristen als Joe Bonamassa. Und seine Vision ist ebenso klar umrissen wie ehrgeizig: „Ich möchte dieser Musik helfen und sie verändern, so dass man den Blues wieder als zeitgemäße und aufregende Kunstform betrachtet, mit lebendigen Musikern, die alle zusammen die Grenzen des Blues verändern und ihn ins neue Jahrtausend hinüberbringen“, erklärt er, „ich möchte daran beteiligt sein, dass der Blues in den kommenden zehn Jahren ein neues Publikum erreicht, eine neue Generation, die jetzt gerade heranwächst.“ Könnte es für dieses Ansinnen einen programmatischeren Albumtitel als Driving Towards The Daylight geben? Wohl kaum. Denn Bonamassa verbindet eigene Kompositionen mit zum Teil sehr alten Blues-Klassikern und packt dies alles in ein modernes Gewand.
Das aktuelle Album folgt den grandiosen Veröffentlichungen The Ballad Of Joe Henry (2009), Black Rock (2010) oder auch Dust Bowl (2011), mit denen er weltweit die Charts hochschoss und ruhmreiche Auszeichnungen fast im Monatstakt einheimste. Der rote Faden zu diesen fabelhaften Scheiben ist unverkennbar – Bonamassas charismatische Stimme, seine feurige Gitarre und sein facettenreiches Songwriting – indes: Stillstand oder gar Wiederholungen sind dem genialen Musiker fremd. „Mir geht es generell um Fortschritt, um Weiterentwicklung, darum mich neuen Strömungen zu öffnen. Es gibt keine überholten Gesetzmäßigkeiten, an die ich mich gebunden fühle, keine Einschränkungen“, sagt er. Also mischt er dem Album-Opener ´Dislocated Boy` eine gehörige Portion Rock unter und gibt im Text Autobiographisches Preis: Er sei am Tag des 66. Geburtstags von Blueslegende Robert Johnson geboren, singt er in dieser Nummer, um sich anschließend mit ´Stones In My Passway` auch einem traditionellen Johnson-Track anzunehmen. Zudem folgen mit ´New Coat Of Paint` (Tom Waits), ´Lonely Town Lonely Street` (Bill Withers) und ´A Place In My Heart` (Bernie Marsden) drei weitere Coversongs, die seinen typischen Stempel bekommen haben. Bonamassa blickt damit auf eine Ära zurück, in der für ihn vieles begann. Sein Vater Len ist ebenfalls Gitarrist und machte deshalb Musik zum wichtigsten Thema auf dem Tagesordnungsplan seiner Familie. „Ich nahm meine erste Klampfe deshalb in die Hand, weil mein Vater Gitarre spielte, zudem arbeitete er als Instrumentenhändler, insofern gab es bei uns Zuhause immer eine ganze Reihe interessanter Modelle.“ Schon mit vier konnte Bonamassa die ersten Griffe, nahm anschließend klassischen Gitarrenunterricht und hatte bereits im Alter von 12 mit B.B. King gespielt. Kein Wunder also, dass er auch für die Altmeister des Blues schwärmt und im Intro der Howlin` Wolf-Nummer ´Who´s Been Talking` den Meister selbst zu Wort kommen lässt: „Es ist ein alter Sample von Howlin` Wolf, in dem er seinen Bandkollegen das spezielle Feeling eines Songs erklärt“, verrät Bonamassa, der in dieser Nummer ebenso sein unglaublich breites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten dokumentiert. Außerdem lässt er sich den Spaß nicht nehmen, immer auch namhafte Freunde an seinen Großtaten teilhaben zu lassen. Waren es auf Dust Bowl seine Landsleute John Hiatt und Vince Gill, holte er sich für die Jimmy Barnes- Nummer ´Too Much Ain´t Enough Love` seinen australischen Kumpel ins Studio: „Jimmy und ich sind seit Jahren eng befreundet, und nachdem wir für einen australischen Sampler den Deep Purple-Track ´Lazy` eingespielt hatten, dehnten wir die Zusammenarbeit auch gleich auf einen Song für Driving Towards The Daylight aus. Hat enorm viel Spaß gemacht!“
Spaß und Leidenschaft, Professionalität und Visionen, dies alles bringt Bonamassa scheinbar mühelos unter einen Hut. Dabei vertraut er vor allem seinem eigenen Instinkt, aber auch einigen namhaften Musikern, die ihn auf Driving Towards The Daylight unterstützt haben, darunter Aerosmith-Gitarrist Brad Whitford und sein Sohn Harrison, Blondie Chaplan (Gitarre), Anton Fig (Schlagzeug und Percussions), Arlan Schierbaum (Keyboards), Michael Rhodes und Carmine Rojas (beide Bass), Jeff Bova And The Bovaland Brass sowie Gitarrist Pat Thrall. Wichtigster Partner ist und bleibt allerdings Produzent Kevin Shirley, der ihn schon seit Beginn seiner Solokarriere begleitet. „Kevin ist wie ein weiteres Bandmitglied“, sagt Bonamassa, „er ist vom ersten Tag einer Produktion in alles involviert, auf seinen Rat höre ich fast ebenso häufig wie auf meinen eigenen Instinkt.“ Shirley erschien auf der Bildfläche, als Tom Dowd, mit dem Bonamassa sein Debütalbum A New Day Yesterday (2000) aufgenommen hatte, zwei Tage nach seinem 77. Geburtstag im Oktober 2002 starb. Mit Shirley fand er jemanden, der wie zuvor Dowd schon mit den Größten der Rockgeschichte gearbeitet hatte. Bis heute sind die beiden ein unschlagbares Gespann: „Kevin ist so etwas wie meine rechte Hand, nicht nur als Produzent. Er weiß, was ich mag, er kennt mich und meinen Sound in- und auswendig. Aber dennoch bemühe ich mich, bereits von Beginn an Songs zu schreiben, die vor allem für mich selbst Sinn ergeben.“ Dies ist ein feiner aber essentieller Unterschied zu seinen Aktivitäten mit Black Country Communion, jener neuen Superband, der Bonamassa zusammen mit Glenn Hughes, Jason Bonham und Derek Sherinian angehört und der er einen Teil seiner Aufmerksamkeit widmet. Aber eben nur einen Teil: „Black Country Communion ist nicht mein Baby, ich bin nur eines von vier Mitgliedern“, erklärt er, „ein völlig anderer Ansatz also. BCC mache ich solange weiter, wie es mir Spaß macht. Meine Soloscheiben dagegen bedeuten für mich und mein Leben mehr als alles andere.“ Man hört dies auf Driving Towards The Daylight in jeder einzelnen Note!
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