...bestell ich mir ein Taxi.
Und genauso halte ich es mit Kampfjets. Der Preis ist happig, aber einmal Kinogehen mit der Familie ist auch nicht billig. Die Bestellung hier bei Amazon ging wie gewohnt einfach über die Bühne, schon nach wenigen Tagen kam der Schmuck-Gutschein in Form eines abgerissenen Wodkaflaschen-Etiketts (silbrig) auf dem neben meinem (falschgeschriebenen) Namen noch ein paar kyrillische Buchstaben gekritzelt waren. Damals wusste ich noch nicht, das "кто читает это глупо" bedeutet: "Wer das liest, ist doof". Ausserdem wurde eine Extrapreisliste für die im Artikel nicht erwähnte Bewaffnung der MIG mitgeschickt.
Voller Erwartungen machte ich mich zum vereinbarten Termin ("komsch Du halt vorbei, Genossä, wir habem immer Zeit") auf den Weg nach Nuschel Nixgood, der geheimen Luftwaffenbasis der Sowjets an der Grenze zu Gurkwenigstan. Der Flugplatz ist problemlos zu finden: einfach am Bestattungsinstitut links, am Wodka-Outlet vorbei gegenüber einer schwelenden Reaktor-Ruine.
Die MIG selber war gut in Schuss, will sagen: voller Einschüsse. Iwan, der Pilot, unterbrach die Rübenernte um mit mir den Flug zu besprechen. "Ohne Rüben auf Piste, Start und Landung sind viel weicher, Genossä - aber egal: MIG ist dafür gebaut" erzählt mir Iwan stolz. Auf die Frage, ob mir Tschetschenien oder Afghanistan lieber sei, antwortete ich achselzuckend mit "Keine Ahnung - Tschetschenien?" worauf Iwan erwiderte: "Gut, dann nehmen wir Splitterbomben mit" Aha. Vor dem Einstieg erfolgte die Sicherungseinweisung:
Iwan: "Wenn gelbe Licht - schlecht. Wenn rote Licht - sehr schlecht."
Ich: "Kommt das auch mal vor, das kein Warnlicht an ist?"
Iwan: "Dann Lampe kaputt - sehr, sehr schlecht"
Die Startvorbereitung erfolgte, wie Startvorbereitungen mit der MIG eben so erfolgen. Nach dem Genuss mehrerer Gläser Wodka klopfte mit Iwan beruhigend auf die Schulter: "Wenn wir da oben auseinanderbrechen, ist es so kalt, daß Du erfrierst, bevor Du unten aufschlägst." Gut zu wissen. Die Frage, warum mein Platz anstelle eines Schleudersitzes samt Fallschirm mit einem Campingstuhl aus DDR-Restbeständen ausgestattet ist, erübrigt sich somit.
Das panische Gekreische des Towers, wir hätten erst Startgenehmigung, wenn die vollbesetzte Linienmaschine Moskau-Wladiwostok unseren Luftraum verlassen hätte, geht im Triebwerksheulen und dem Fahrwerksrattern unter. Die anderen Erntehelfer schaffen es grossteils in Sicherheit, als sich unsere MIG majestätisch vom Rübenacker erhebt.
Von den ersten Flugminuten habe ich nicht viel mitbekommen. Iwan, der Sack, hatte mir vorher das Helmvisier runtergeklappt mit der Begründung, er hätte auch ohne meine hässliche Fresse im Rückspiegel schon genügend Bammel vor dem Flug. Seiner dreckigen Lache nach war ich nicht der erste, der erfahren musste, das heruntergeklappte Visiere nach dem Kotzen die Sicht beeinträchtigen und obendrein schwierig zu reinigen sind. Aber das scheint der übliche Humor desertierter russischer Piloten zu sein. Naja.
Die nächsten Minuten waren aufregend. Im Gegensatz zu Iwan kann ich Englisch und verstand die Befehle im Funk ("Russian jet - this is NATO-controlled zone, turn by" oder "come closer and we shoot you, red bastard"), die Iwan immer nur mit einem Rotzton quittierte und den ausgelutschten Schubhebel noch etwas weiter in den roten Bereich schob.
Die Bombardierung eines Krankenhauses hinter der Grenze (Iwan: "Wenn später Problem, sagen wir, die haben angefangen") und der Raketenbeschuss eines Staudamms waren dann die Highlights, bevor mir Iwan zollfreie Ware anbot. "Zollfrei, weil, ist von mir selber geschmuggelt an Zoll vorbei" Ich kaufte ihm eine Flasche Wodka "Augenblind 80%" und mit sibirischen Bären-Schamhaaren aromatisierte Zigaretten (Iwan: "Die raucht hier jeder") ab, nachdem er mich mit einem Sturzflug, der die MIG an die Berstgrenze brachte, davon "überzeugt" hatte, das dies gute Angebote seien.
Auf dem Rückflug stellte sich dann Routine ein:
Ich schaue nach links: "Iwan, ich glaube der linke Flügel verliert Teile"
Iwan: "Haha - Du bist schon so besoffen, das Du links mit rechts verwechselst"
Ich schaue mir die rechte Tragfläche an: "Aaaahrgh"
Ich: "Wie lange dauert's nach?"
Iwan: "Noch 1x kotzen, dann sind wir da." und fliegt eine Schraube.
Ich: "Huuuuualp"
Iwan: "Haha - Vera-harscht, dauert noch!"
Diesen Dialog wiederholten wir 3x.
Im Gleitflug erreichten wir fast den Flugplatz Nuschel Nixgood. Iwan hatte nämlich lieber Tetris auf dem Gefechtscomputer gespielt (und dabei versehentlich unsere beiden Kurzstreckenraketen auf eine vorbeifliegende Cessna abgefeuert) als auf die Tankanzeige zu achten. Der Aufprall war hart. Sehr hart. Mein frisch erworbener, zollfreier Wodka zersplitterte an meinem Nasenbein und floss auf den Boden, wo er sich mit meinem Erbrochenen vermischte und an den offenen Kabeln (die mich schon beim Start stutzig gemacht hatten) sofort Feuer fing. So schafften wir es gerade noch aus dem Wrack, bevor die leckgeschlagenen Reservetanks und unsere Restmunition die Stelle in einen rauchenden Krater verwandelten.
Iwan: "Und, Genossä, Flug war gut?"
Ich: "Hab's mir schlimmer vorgestellt... Aber warum haben wir das Krankenhaus zerbombt?"
Iwan: "Beschuss mit Bordkanone hätte ewig gedauert, Blödmannski!"
Ich Antworte: "Schon gut, wenn ich 'ne Ahnung hätte, würd ich nicht fragen"
Dann bot ich Ihm eine meiner frisch erworbenen Kippen an. Iwan fuhr mich noch mit seinem schwarzen BMW X5 (Iwan: "Hab ich günstig vom letzten Gast bekommen. Der braucht ihn nicht mehr, jetzt, wo er seit dem Flug querschnittsgelähmt ist.") zum Röntgen der Halswirbelsäule, "als Erinnerungsfoto, ist in Preis inklu".
Gut, dass es Erlebnisgutscheine gibt...
P.S.: Meine Jahres-CO2-Bilanz hat sich durch den Flug dummerweise verneunfacht. Allerdings versicherte mir der Betreiber, die Flüge würden klimaneutral verlaufen: Der von uns verheizte Sprit steht nämlich jetzt den russischen Rettungshubschraubern nicht mehr zur Verfügung, so daß diese etliche Flüge ausfallen lassen müssen, was die Umwelt spürbar entlastet. Gott sei Dank, mein Gewissen ist beruhigt!