Als am 5. September 1970 der Formel 1-Rennfahrer Jochen Rindt in Monza ungebremst in die Leitplanken knallte, starb das Idol einer ganzen Generation. Denn selbst für Menschen, die mit dem Automobilrennsport wenig anfangen können, war der bei seinen Großeltern aufgewachsene Rennfahrer ein Begriff. Auch weil er Charaktereigenschaften verkörperte, die man bei vielen Prominenten vergeblich sucht. Zwar hatte der 1942 in Mainz geborene Formel 1-Pilot einen deutschen Pass, wird aber von den Österreichern bis heute als einer der ihren gesehen.
Nach dem Betrachten der beiden CDs, die insgesamt über drei Stunden dauern, wunderte ich mich nicht mehr, dass Jochen Rindt oft mit James Dean in Verbindung gebracht wurde. Und zwar nicht nur, weil ihn ein Unfall mit dem Auto früh aus dem Leben riss. Es ist auch das Rebellische und Direkte von Jochen Rindt, das wohl solche Assoziationen weckte. Zudem gehörte er auch nicht zu denen, die den Glauben vertreten, das Wesentliche lerne man in der Schule. Und Bernie Ecclestone, die graue Eminenz des Formel 2-Rennsports wehrt sich auch gegen die Aussage, Jochen Rindt sei arrogant gewesen. Ohne ein Freund von Ecclestone zu sein, glaube ich ihm nach dem Gesehenen. Zudem zeigt vor allem der erste Film "Jochen Rindts letzter Sommer" den umstrittenen Herrscher des Formel 1-Zirkus', Ecclestone, von einer anderen Seite.
Verfolgt man das Geschehen rund um den Automobilsport von heute, kann man fast nicht glauben, dass damals die Konkurrenten noch gemeinsam im gleichen Hotel wohnen, zusammen in die Ferien gingen und ihre Familienfeste feierten. Und mit Erstaunen nimmt man auch zur Kenntnis, dass nicht jede Hilfe oder Unterstützung als zu bezahlende Dienstleistung angesehen wurde. Doch die beiden Dokumentationsfilme wollen nicht einfach nostalgische Gefühle wecken. Das würde nur schon an den Umständen scheitern, wie außer Jochen Rindt auch andere Piloten ihr Leben verloren. Die geradezu lächerlichen Sicherheitsmaßnahmen sind aus heutiger Sicht unbegreiflich. Eher zum Schmunzeln regen die Kulissen und Requisiten jener Zeit an. Der schmucke Outfit der Reporter, die Brillen der Piloten, die Boxen oder der Tankvorgang. Und sieht man die Girls in den Boxen, kommt einem sicher nicht das Wort "Boxenluder" in den Sinn.
Auf der Disc 1, "Jochen Rindts letzter Sommer", findet sich auch viel Bildmaterial aus verschiedensten Archiven unter anderem auch von Nina Rindt. Noch mehr über die frühen Jahre von Jochen Rindt erfährt man dann im Film "Jochen Rindt lebt" von Christian Gasser, der 1968 als Volksschüler schon begeistert von dieser Formel 1-Welt war und über vierzig Jahre später einen Film über sein Idol drehte. Die beiden Werke zu vergleichen, möchte ich unterlassen, da trotz unterschiedlicher Konzepte beide ihre Stärken und kleinen Schwächen haben und irgendwie zusammengehören. Wenn ich eine Präferenz abgeben müsste und nur eine Scheibe erhielte, würde ich mich für den Film von Eberhard Reuß entscheiden, weil mir sein Rhythmus und sein Schnitt besser gefallen. Und weil ich die Vertonung für gelungener halte.
Mein Fazit: Eine faszinierende Dokumentation von über drei Stunden, in deren Zentrum ein Mann steht, der auch deshalb so beliebt war, weil er sich nicht so einfach einordnen lässt wie Prominente, die ihren Ruhm vor allem den Medien zu verdanken haben. Für Freunde vom Motorrennsport wohl ein Muss, für alle anderen eine Möglichkeit, Jochen Rindt kennen zu lernen, in die 1970er-Jahre abzutauchen und an fremden Geschichten teilzuhaben, die irgendwie auch ihre sind.