Nachdem ich mir Westemeiers Biographie
Joachim Peiper: A New Biography of Himmler's SS Commander zu Gemüte geführt hatte, die sehr kritisch mit Joachim Peiper abzurechnen sucht, beschaffte ich mir über den Amazon Marketplace diese 2008 erschienene Neuauflage von Patrick Agte als Ausgleich. Im Vorfeld des Kaufs ließ sich unschwer recherchieren, daß Agtes Herausgeber Druffel & Vowinckel im Ruf steht, Deutschlands größter rechtsextremer Verlag zu sein. Details lassen sich so rasch ergooglen, daß ich hier nicht weiter darauf eingehen möchte.
Äußerlich ist das Buch solide gemacht, mit Schutzumschlag und festem Einband. Kartenmaterial sucht man bei Agte vergebens, aber das Fotomaterial ist hervorragend und erheblich umfangreicher als bei Westemeier. Allein dafür hat die Anschaffung sich bereits gelohnt und ich vergebe dafür 2 Startpunkte.
Einen weiteren Punkt verdient Agtes Werk für die vielen, auch persönlichen Details nicht nur über Joachim Peiper, sondern auch was dessen Weggefährten betrifft, von denen sich die wichtigsten allesamt auch im Fotomaterial wiederfinden. Etliches davon war bei Westemeier nicht erwähnt und so habe ich hier in der Tat viele Ergänzungen gefunden, die die Beschaffung nachträglich rechtfertigen.
Doch mehr Punkte mag ich für Agtes Buch nicht vergeben. Warum?
Weil das Werk von Einseitigkeit so sehr trieft, daß man es tatsächlich in den Bereich revisionistischer Propaganda einordnen muß. Agte hat schlicht und ergreifend alles weggelassen, was nicht ins sein verblendetes Bild vom strahlenden Ritter Joachim Peiper paßt, der gemeinsam mit der idealistischen Waffen-SS auszog, die gesamte westeuropäische Hemisphäre davor zu bewahren, von stalinistischen Horden in Dschingis Khan-Manier überrollt zu werden. Ein edler, völlig missverstandener Held, eine opferbereite, in ihrer politischen Dimension völlig verkannte Waffen-SS. Die unausgesprochene Schlußfolgerung: Eigentlich sollten wir alle Herrn Peiper und der Waffen-SS heute noch dankbar sein, uns vor eben diesem Schicksal bewahrt zu haben. Ohne diese tapferen Menschen wäre Westeuropa niemals das geworden, was es heute ist - sie, die Waffen-SS und Männer wie Joachim Peiper, waren nicht nur gedanklich, sondern auch mit ihren glorreichen Taten an der Ostfront des 3. Reichs die wahren Vorreiter unseres Friedens, unserer Freiheit, unseres Wohlstands. JAWOLL!
Agte verbreitet keine Lügen, das stimmt. Sein Buch täuscht den Leser viel subtiler, indem wesentliche Details einfach fehlen, während Banalitäten gezielt überbetont werden. Und das nicht nur in Bezug auf Peiper. So fällt dem Autor beispielsweise zu Heinrich Himmler nichts Tiefschürfenderes ein, als auf dessen Fähigkeit zum aufmerksamen Zuhören zu verweisen. Wie niedlich - wenn man bedenkt, daß wir hier über niemand Geringeren als den Reichsführer SS reden, also einen Hauptverantwortlichen für die Planung und Durchführung der Shoah. Agte geht sogar so weit zu behaupten, eine wissenschaftlich orientierte Biographie über die Person Himmler stehe noch aus... mir lief es kalt den Rücken runter, als ich das las - und das bereits auf Seite 27...
Auch auf den Seiten 28-429 wird der Leser vergeblich nach Hinweisen zu Peipers Wissen um das ganze brutale Ausmaß der NS-Dikatur suchen. Agte unterschlägt beispielsweise, daß Peiper in einer Euthanasieeinrichtung in Poznan/Polen am 13.12.1939 die Vergasung Behinderter persönlich durch ein Sichtfenster beobachtete. Zudem war "Jochen" als Himmlers Adjutant diverse Male bei KZ-Inspektionen dabei. Doch diese "nebensächlichen" Details erwähnt Agte ebensowenig wie er Peipers Wissen um den Holocaust hinterfragt, dessen Planung doch zeitlich genau mit seiner Zeit als Himmlers Adjutant zusammenfällt. Zwar geht Agte auf SS-Verbrechen an der russischen, italienischen, belgischen Zivilbevölkerung ein. Doch sämtliche Vorfälle werden grundsätzlich mit dem Standardhinweis vom Tisch gewischt, es habe sich entweder um Partisanen gehandelt, oder um Zivilisten, die halt das Pech hatten, mit solchen verwechselt zu werden. Krieg führt nun mal zu Kollateralschäden... <<achselzuck>>
Positiv aufgefallen ist mir die ehrliche Darstellung von Peipers Ende. Denn das, was man im Internet teilweise dazu findet, ist wirklich schauerlich. Auf etlichen Seiten ist von abgeschlagenen Händen und Füßen die Rede. Was natürlich eine perfide Anspielung auf tatsächliche Vorkommnisse gegenüber Wehrmachts- und SS-Angehörigen an der Ostfront ist, vgl. Prof. Franz W. Seidlers Werke
Verbrechen an der Wehrmacht, Bd.1, Kriegsgreuel der Roten Armee 1941/42 und
Verbrechen an der Wehrmacht, Bd.2, Die Rote Armee mordet weiter. Im WWW findet sich vielfach die entsetzliche Behauptung, daß Peiper womöglich noch gelebt habe, bevor er verstümmelt und bei lebendigem Leib verbrannt worden sei. Agte hingegen schreibt klipp und klar, es seien drei Brandsätze ins Haus geworfen worden. Die Täter seien geflüchtet, bevor sie den vierten, bereits vorbereiteten Brandsatz hinterherschleudern konnten. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich das las, denn gerade Agte nehme ich DAS wirklich ab. Der Autor widerspricht auch der immer wieder erhobenen Behauptung, es habe sich um Kommunisten gehandelt. Zwar seien die geistigen Brandstifter für das Verbrechen bei L'Humanité & Co. zu suchen, aber de facto lägen bis heute keinerlei Erkenntnisse über die Identität der Täter vor. Danke, Herr Agte.
Positiv sehe ich auch den Hinweis des Autors, daß Peiper keinen Kult- oder Pilgerort aus seiner Grabstätte machen lassen wollte. Agte unterlässt deren Nennung, damit "Jochen" wenigstens dort nun endlich jene Ruhe wiederfindet, die er nach dem Krieg vergebens gesucht hat. Nochmal danke, Herr Agte.
Mein Gesamturteil: 3 von 5 Punkten, also Durchschnitt. Das Buch ist aufgrund des Fotomaterials auf jeden Fall, für Militär-Nerds bedingt und aus biografischer Sicht nur unter Wahrung äußerster Vorsicht empfehlenswert. Man sollte unbedingt zusätzliche Quellen zu Rate ziehen, denn Agtes Informationen sind zwar nicht falsch, aber erheblich zu einseitig, was noch höflich ausgedrückt ist.
Peipers militärisches Können zu beurteilen, steht mir als Laie nicht zu. Bestimmt war er überzeugt davon, das Richtige für sich, seine Familie und für sein deutsches Vaterland zu tun. Und ich bewundere seinen Einsatz, seine Tapferkeit, sein Charisma, seine Geradlinigkeit. In den wenigen über ihn verfügbaren Filmdokumenten (z.B. DVD
Über Galgen wächst kein Gras) hat mich sein Auftreten schwer beeindruckt. Joachim Peiper war eine Ausnahmeerscheinung, da gebe ich Agte völlig recht.
Aber er war zugleich auch ein fanatischer Nationalsozialist; ohne Menschen wie Peiper hätte das 3. Reich nicht existieren können. Agte hat es versäumt, das deutlich herauszuarbeiten, was einen sehr, sehr schalen Eindruck hinterläßt. Spätestens nach dem Krieg hatte Peiper genug Zeit zum Reflektieren über das Wesen und die unübersehbaren Folgen der NS-Ideologie. Doch kein öffentliches Wort des Bedauerns, des Mitgefühls für die NS-Opfer kam je über seine Lippen. Geschweige denn, das er sich je öffentlich bei ihnen entschuldigt hätte. Stattdessen immer wieder die Behauptung, ein "Soldat wie jeder andere" gewesen zu sein, gepaart mit dem Versuch, die Waffen-SS vom Vorwurf der verbrecherischen Organisation reinzuwaschen.
Latent verteidigt Agte diese uneinsichtige Haltung Peipers. Damit hat er bei mir 2 Punkte verspielt. Genau wie Westemeier, der - wenn auch aus völlig entgegengesetzter Perspektive - ebenfalls die notwendige Distanz zu seinem Biografie-Sujet nicht wahrt. Beide Autoren werden dem Menschen Joachim Peiper in seiner Komplexität nicht gerecht. Stattdessen versucht Agte, die Leser auf Peipers Seite hin- und Westemeier, sie von dort wegzuzerren.
Das ist eines erwachsenen Lesepublikums nicht würdig, sorry.