Dieser Band ist ein gewaltiger Kommentar zum Buch Hiob, 500 Seiten für die
ersten zwanzig Kapitel (ohne Einleitung), wobei viele Partien in Kleindruck gesetzt sind. Allein die Hauptbibliographie erstreckt sich über
50 Seiten und wird für Fachleute eine wahre Fundgrube sein. Die sprachlichen "Notes" hat Clines sehr ausführlich gestaltet. Er bietet scheinbar alles, was von der Fachwelt zum hebräischen Text publiziert worden ist. Zu gewagte Emendationen lehnt er ab, oft in einem sarkastischen Ton. Er selbst ist mit Emendationen zurückhaltend, aber er verzichtet nicht völlig darauf. Seine sprachlichen Erklärungen beziehen sich fast nur auf das Hebräische. Die Septuaginta, Vulgata und Peshitta läßt er (leider) so gut wie unbeachtet. Clines Kenntnisse über die Auslegungsgeschichte von Hiob sind imponierend. Er interagiert in großem Ausmaß mit vielen Kommentatoren, aber seine eigene Meinung betont er immer
deutlich, so daß der Leser in der Fülle des Materials nicht den Faden verliert. Durchweg ist Clines jahrelange Beschäftigung und Vertrautheit mit dem Hiobbuch spürbar. Auch seine literarische Analyse ist meisterhaft
und sehr hilfreich, den Aufbau und Fortgang des Hiobbuches besser verstehen zu können. Hiob und seine Freunde hat Clines in psychologischer
Hinsicht sehr tiefschürfend charakterisiert. Allein schon deswegen ist das
Buch lesenswert. Aber es gibt auch Einwendungen: Zu den Kapiteln 16 und 17
vermisse ich Bezüge zum Neuen Testament, die für mich ohne Zweifel vorhanden sind. Ich bin in gewisser Weise enttäuscht, daß Clines überhaupt
keine Vergleiche zwischen Hiobs Welt und dem Neuen Testament zieht. Da ist für mich der Kommentar von Franz Delitzsch aus dem 19. Jahrhundert viel ergiebiger. Auch habe ich mehr über die Ansichten der Kirchenväter erwartet. Zu Hiob 19,25-27 folgendes: Clines übersetzt goel mit champion
und kinsman. Für ihn ist der goel (Erlöser) nicht Gott, sondern Hiobs personifizierter Schrei ("personification of Jobs plea", S.459) von Hiob
16,19, der als Zeuge im Himmel und als Advokat in der Höhe ist. Diese Erklärung ist für mich nicht überzeugend. Die Auslegungstradition dieser
Verse, die auf der Vulgata basiert, lehnt Clines (zurecht)ab, aber eine für mich befriedigende Lösung ist auch bei ihm nicht zu finden. Fazit: Trotz der erwähnten Kritikpunkte ist es ein sehr empfehlenswerter Kommentar, der den Leser sehr fordert.