Der Taschenverlag ist für sehr preisgünstige, dabei aber großformatige und schön aufgemachte und gedruckte Bücher bekannt, die von den Erwerbern aber nicht immer gelesen werden. Nicht nur einmal wurde der Verdacht geäußert, dass der Verlag davon leben würde, dass viele Käufer die Bücher eher als Einrichtungsgegenstand sehen. Denn wenn man eine Zeitschrift wie "Schöner Wohnen" aufschlägt, werden einem die diskret in die Räume verteilten Bücherstapel kaum entgehen können. Wer hat eigentlich dieses Wort "Coffee-Table-Book" erfunden? Bestimmt die Marketingabteilung von Taschen.
Hier haben wir nun den Overkill eines solchen Buches vor uns. Es ist wirklich nur für die ganz großen Wohnzimmertische geeignet. Mein Vorschlag: Opfern sie einfach einen ganzen Raum ihrer Wohnung, besorgen sie einen wirklich stabilen Glastisch und präsentieren Sie das Buch Ihren Gästen aufgeschlagen. Das wird wirklich Eindruck machen, denn die Seiten sind schön bunt und alle Seiten sind wirklich anders bedruckt. Und die Gäste könnten auf die Idee kommen, dass Sie die Bücher wirklich öffnen und anschauen, vielleicht sogar lesen, vielleicht sogar gebildet sind. Und Taschen hat wirklich auch dafür gesorgt, dass praktisch jede Seite schön anzusehen ist, Sie können Ihren Gästen also sogar das eigenständige Blättern im Buch erlauben (jedenfalls wenn diese beim Blättern vorsichtig und den Gebrauch von Büchern gewohnt sind).
Und worum geht es bei dem Buch überhaupt? Ich verrate es Ihnen, dann müssen Sie nicht selbst nachlesen: Es geht um alte Karten aus dem 16. Jahrhundert. Ich finde diese übrigens extrem spannend, trotzdem sowohl Flughäfen als auch Autobahnen völlig fehlen. Denn es gibt Fehler. So sind sowohl die Pole der Erde als auch das Innere der Kontinente eher ein Werk der Phantasie, als dass die Darstellungen den wirklichen Gegebenheiten der Geographie entsprechen würden. Und dieses Zusammenwirken von Wirklichkeit und Mythos integriert in eine Darstellung ist wirklich etwas Besonderes. Man erfährt etwas über das Weltbild einer längst vergangenen Zeit. Dabei waren die hier abgedruckten Karten wirklich einmal der letzte Schrei, der Gipfel der Modernität, sozusagen. Und wenn Sie wissen wollen, ob Ihr Heimatdorf im 16. Jahrhundert schon auf einer Landkarte zu finden war, dann können Sie auch das hier nachschlagen.
Und für die Experten, nein, diese Ausgabe entspricht nicht dem ursprünglichen Atlas von Joan Blaeu, der ja in vielen, einzelnen Bänden erschienen ist. Aber diese würden auf dem Wohnzimmertisch auch bei weitem nicht so gut aussehen. Das der Taschenverlag diese dennoch inzwischen als neue Ausgabe ebenfalls herausbringt, scheint mir ein unnötiger Wechsel der Verkaufsstrategie zu sein. Oder doch nicht? Jeder Zielgruppe ihr eigenes Buch!