Mit dem Album "Joan Baez/5" von 1964, ihrem fünften für Vanguard, erfährt ihre Musik eine weitere Steigerung. Neben gefälligen, aber wunderschön vorgetragenen Folksongs wie "Stewball", "When You Hear Them Cuckoos Hollerin'", "So We'll Go No More a-Rovin'" und das herrliche "Go 'Way From My Window" aus dem Notenbuch von John Jakob Niles, brachte sie zunehmend mehr zeitgenössisches und auch kritisches Material. Selbstredend war auch wieder ein Song von Bob Dylan dabei. Diesmal "It Ain't Me Babe", exzellent dargeboten. Das Album beginnt jedoch mit ihrer Version von "There But for Fortune" aus der kritischen Feder von Phil Ochs, dessen schneidend scharfen Text Baez mit einem derart wohlklingend hellen Gesang einhüllte, dass der Song sogar als Single veröffentlicht wurde und zu einem mittleren Charterfolg geriet. Ganz großartig ist ihr Vortrag von "Birmingham Sunday", das ihr Schwager Richard Farina zur Erinnerung an das dort vor einigen Jahrzehnten stattgefundene Schulmassaker schrieb. Sie arbeitet dieses erschütternde Thema ruhig, jedoch mit einem unheilvollem Unterton auf. Sie greift auch diesmal mit "The Unquiet Grave" und "The Death of Queen Jane" auf die Child-Balladen (Sammlung englischer und schottischer Balladen) zurück, deren dramatischen Inhalt sie mit ganz großen Einfühlsvermögen vorträgt. Insbesondere ihre Gefühlsnuancierungen bei "The Death of Queen Jane", einer Erzählung über die dramatischen Umstände des Sterbens von Jane Seymoure, der dritten Frau Heinrichs VIII., bei der Geburt ihres Kindes, sind eine Meisterleistung. Mit Johnny Cash' sehnsuchtsvollem "I Still Miss Someone" (für mich das beste Cover dieses Songs) kommt auch der Country nicht zu kurz und mit "O'Cangaceiro" gibt es auch was mexikanisches.
Ihr Versuch, mit "Bachanias Brasileiras No. 5 - Aria" von Heitor Villa-Lobos, einem brasilianischen Komponisten (1887-1959), einem Werk für Stimme und 8 Cellos, auch etwas klassische Musik auf ihrem Album unterzubringen, erscheint im Gesamtkontext zumindest etwas zweifelhaft. Keine Frage, für eine im klassischen Gesang ungeübte Sängerin eine wahrhaft heldenhafte Leistung, die eine entsprechende Würdigung verdient. Aber wer erwartet sich schon etwas dergleichen von einer Folksängerin. Nichtsdestotrotz ist es wunderbares Album und ein Meilenstein in der Entwicklung des Folk.
Die Neuauflage von 2002 wartet neben dem behutsamen Remastering und einem erweitertem Booklet mit zwei Bonustracks auf. "Tramp on the Street" (spätere Version auf "David's Album) und "Long Black Veil" (später auch auf "One Day at a Time") stammen offenbar aus dem selben Zeitraum wie das Album.