Um Jnana-Yoga von Swami Vivekananda die Buchbesprechung zukommen zu
lassen, die das Buch verdient, sollte man Vivekananda selbst zu Wort
kommen lassen:
Als echter Schüler Sri Ramakrishnas, der alle Religionen der Welt als
gleichwertig ansah und den Menschen riet, die Erleuchtung zunächst in
der eigenen Kultur, dann aber in allen anderen zu suchen, sagte er:
?Mit dem allgemeinen Fortschritt erweitert sich auch der geistige
Ausblick der Menschheit. Der menschliche Gedanke kann heute alle Winkel
der Erde erreichen und durch rein physikalische Mittel sind wir mit der
ganzen Welt in Berührung gekommen, und deshalb müssen die zukünftigen
Weltreligionen ebenso universal wie großzügig sein. Die religiösen
Ideale der Zukunft müssen alles mit einschließen, was in der Welt groß
und erhaben ist, und gleichzeitig unendlichen Spielraum für künftige
Entwicklung lassen. Das Gute der Vergangenheit muss erhalten werden und
gleichzeitig müssen die Tore weit geöffnet bleiben, damit Künftiges dem
Bestehenden hinzugefügt werden kann. Religionen müssen allumfassend sein
und dürfen sich nicht gegenseitig verachten, weil ihre besonderen
Gottesideale nicht alle die gleichen sind.?
Es gibt vermutlich keine Religion auf Erden, die so einen Geist
hervorzubringen vermochte, wie der Hinduismus, in dessen besten Idealen
sich Offenheit für jede religiöse und philosophische Idee ausdrückt.
Jnana-Yoga von Vivekananda ist ein Buch, das die östliche Philosophie
umreißt. Es ist klar, deutlich und voller Tiefe. Der Jnana-Yoga führt
zur Glückseligkeit über Weisheit, über echtes Philosophieren, und im
Gegensatz zu den westlichen Philosophen haben sich die des Ostens nie
davor gefürchtet, Gott in ihre Überlegungen mit einzubeziehen oder die
Erleuchtung. Die Einswerdung mit Brahman, dem Höchsten, Einzigen, dem
Bekannten und dem Unbekannten, ist das Ziel des Jnana-Yoga. Diese
Einswerdung ist Selbsterkenntnis ebenso wie die Erkenntnis, dass es
niemals Selbsterkenntnis geben kann, weshalb die Lehren des Jnana-Yoga
immer das Erlernen des kognitiven Umgangs mit Paradoxien ist. Die
Beseitigung der Unwissenheit wird nicht durch Wissen erlangt, und doch
ist es oberstes Wissen, das den Advaitin ausrufen lässt: ?Ich bin Er!?
Das Einssein mit dem Universum, mit dem Unendlichen, ist ein Einssein
ohne Betrachter und doch kann es beschrieben werden und niemandem ist
das bislang so gut gelungen wie Swami Vivekananda.