Vorwort
Vor 50 Jahren fand Jin Shin Jyutsu seinen Weg in den Westen. Der Same für dieses glückliche Jubiläum wurde in Japan gesät, als Meister Jiro Murai einer jungen Frau mit dem damaligen Namen Mary Mariko Iino eine Frage stellte, die ihr Leben veränderte. Bei ihrer ersten Begegnung begrüßte Meister Murai Mary (heute Mary Burmeister) mit den einfachen Worten: »Möchtest du meine Schülerin werden und ein Geschenk nach Amerika bringen?« Für die zahllosen Jin-Shin-Jyutsu-Schüler wäre es unvorstellbar, hätte Mary diese Frage nicht mit einem klaren »Ja« beantwortet. Glücklicherweise widmete Mary ihr Leben selbstlos dem Nähren und Verfeinern dieses Geschenks. Sie teilte es mit all denen, die sie als »göttlich zu sich geführt« betrachtete. Wie wir sehen werden, kann Jin Shin Jyutsu unser Bewusstsein erweitern und Freude und Vitalität in unser Leben bringen. Jin Shin Jyutsu, das wörtlich übersetzt »die Kunst des Schöpfers durch den mitfühlenden Menschen« bedeutet, bringt Harmonie in Körper, Geist und Seele zurück. Ebenso offenbart es einen Weg »mich selbst kennen zu lernen, mir selbst helfen zu lernen«, wie Mary es in ihren eigenen Worten ausdrückt. Wenn wir uns auf diese Reise des Erwachens einlassen, wird sich der Begriff des »Selbst« mehr und mehr weiten. Durch das Anwenden einfacher Selbsthilfesequenzen erleben wir das Loslassen von Einstellungen wie Sorgen und Ängsten, die unsere Wahrnehmung begrenzen und viel Stress in unserem täglichen Leben entstehen lassen. Auch wenn das Wissen des Jin Shin Jyutsu umfangreich ist, lässt es sich doch bemerkenswert einfach und leicht anwenden. Als treue, mitfühlende Schülerin von Mary und begabte Dozentin des Jin Shin Jyutsu lädt uns Waltraud Riegger-Krause in ihrem Buch ein, diese tiefe Kunst zu erforschen. Ihr sorgfältig gefertigter Text ist bereichert mit einfachen Selbsthilfeübungen. Er bietet die Möglichkeit, erfahrbare Einsichten in das Geschenk des Jin Shin Jyutsu zu gewinnen, die Ihr Leben verändern werden. Mögen alle es mit offenen Armen empfangen.
David Burmeister Direktor der Jin Shin Jyutsu® Inc., Scottsdale, Arizona Oktober 2004
Überraschend einfach
Erste Begegnung
Mary Burmeister erzählte folgende Geschichte aus ihrer Praxis, als ich zum ersten Mal staunend bei ihr im Unterricht saß: »Ich hielt die Waden des Babys für ein paar Minuten und spürte, wie sie langsam weicher wurden. Gleichzeitig begann die Kleine zu lächeln.« Mary fuhr fort: »Wenn das bei einem Erwachsenen passiert wäre, der mit all seinen Ängsten, Sorgen und Mühen des Alltags beladen ist, der hätte sich vielleicht besser gefühlt, aber hätte er gelächelt? Wo denkt ihr hin. Der hätte gesagt: ›Nur ein paar Minuten die Waden halten? Nachdem ich so viel durchgemacht habe mit den ganzen Untersuchungen, um meine Beschwerden analysiert und diagnostiziert zu bekommen? Und jetzt soll ich nach ein paar Minuten Waden halten lächeln! Die Atmung geht zwar leichter, ich fühle mich auch besser, aber das werde ich doch jetzt nicht zugeben.‹ Das Baby lächelte. Zu einfach?« Mary blickte fragend in die Runde. Im März 1985 reiste ich in die USA, um für ein paar Monate unterwegs zu sein und etwas Abstand zu meinem Alltag zu gewinnen. Es war eine interessante Zeit damals, denn es gab so viel Neues zu entdecken. Unter anderem hatte ich eine Adresse vom »Acupressure Institute Berkeley« in der Tasche; dort wollte ich Kurse besuchen, die mir von einer Freundin empfohlen worden waren. Nach meinem ersten Akupressurkurs hatte ich gleich die Gelegenheit, das Erlernte bei einem Freund auszuprobieren. Er hatte sich verletzt und blutete stark. Schüchtern bot ich ihm an, ein paar Griffe anzuwenden. Er willigte ein. Auf diese Weise konnte ich ihn sogar vor einer Ohnmacht bewahren, denn er konnte kein Blut sehen, wie er mir später gestand. Für mich stand fest: Darüber musste ich mehr wissen. Meine Lehrerin Janet Oliver nahm mich nach Scottsdale, Arizona, zu meinem ersten Jin-Shin-Jyutsu-Kurs bei Mary Burmeister mit.
Jin Shin Jyutsu ist keine komplizierte Wissenschaft, die man nur mit Vorkenntnissen ausüben kann. Jin Shin Jyutsu ist einfach; jeder kann es erlernen.
Mary Burmeister brachte das alte Wissen des Jin Shin Jyutsu in den westlichen Kulturkreis.
Durch das Halten einfacher Fingerpositionen oder Energiezentren an unserem Körper können wir sowohl Beschwerden lindern als auch verstehen lernen, wodurch die Beschwerden hervorgerufen wurden.
Ich spürte, dass ich angekommen war. Etwas faszinierte mich so sehr, dass ich unbedingt mehr darüber lernen wollte. Obwohl mein Englisch damals noch nicht gut war und ich vielleicht nur die Hälfte dessen verstand, was Mary sagte, berührte sie mich tief im Inneren. Ich begriff, dass es beim Jin Shin Jyutsu nicht um Rezepte zur Linderung von Beschwerden ging, sondern dass es uns auf eine Reise zu uns Selbst mitnimmt. Eine Reise, die, wie Mary sagt, »ohne Anfang und ohne Ende ist«. Jeder steigt genau da ein, wo er sich gerade befindet. Wenn ich jetzt körperliche Hilfe brauche, lerne ich Griffe, die meine Schmerzen lindern. Wenn es mir seelisch gerade nicht so gut geht, lerne ich, wie ich mich wieder in meine Mitte bringen kann. Wenn ich spüre, dass das Leben eigentlich noch etwas anderes von mir möchte, als das, was ich gerade erlebe, lehrt mich das Jin Shin Jyutsu die einfache Weisheit des Seins. Ich ließ mich auf die Reise ein und lebte – mit einem Jahr Unterbrechung – bis 1989 in den USA, um direkt bei Mary Burmeister zu lernen.
Wirkung auf mehreren Ebenen
Eine Frau wollte mit Freunden auf eine große Reise gehen und bat eine Jin-Shin-Jyutsu-Praktikerin, ihr einige Selbsthilfegriffe mit auf den Weg zu geben, falls sie in eine schwierige Situation käme. Die Praktikerin zeichnete eine Hand auf ein Blatt Papier und ordnete den einzelnen Fingern bestimmte Organe, Emotionen und Beschwerden zu. Die Frau steckte das Blatt ein und machte sich mit ihrer Gruppe auf den Weg. An einem Tag waren sie sehr lange zu Fuß unterwegs, und nachdem sie abends in einer Herberge angekommen waren, bekam die Frau plötzlich starke Schmerzen in der Nierengegend. Nach kurzer Zeit erinnerte sie sich an das Blatt mit der Hand; dort stand, dass man bei Problemen mit den Nieren einfach den Zeigefinger zu halten brauche. Sie war zwar etwas skeptisch, ob das einfache Halten des Zeigefingers ihren starken Schmerzen helfen könne, da sie aber keine andere Möglichkeit zur Hand hatte, versuchte sie es. Nach 20 Minuten ließen die Schmerzen plötzlich nach, nach weiteren 10 Minuten waren sie vollkommen verschwunden. Sie konnte es kaum glauben: Hatte das, was geschehen war, mit dem einfachen Halten des Zeigefingers zu tun? Was sie aber noch mehr ins Staunen brachte, war die Tatsache, dass sie auf einmal ganz klar wusste, was die Ursache ihrer Beschwerden war: Sie hatte den ganzen Tag über viel zu wenig getrunken!
Wertvolle Hilfe zur Selbsthilfe
So arbeitet das Jin Shin Jyutsu auf mehreren Ebenen unseres Seins. Wir werden uns der Ursachen bewusst, wir verstehen, was geschehen ist, und wir haben eine Anwendungsmöglichkeit der sanften Selbsthilfe.
Weisheit aus dem Osten
Die Lehre des Jin Shin Jyutsu, die Anfang des letzten Jahrhunderts von Jiro Murai in Japan wiederentdeckt wurde, umfasst verschiedene Ebenen. Zum einen beschreibt sie eine Lebenskunst, die uns hilft, uns »selbst zu erkennen« und unseren Lebensstil mit den Gesetzen des Universums in Einklang zu bringen. Zum anderen gibt sie uns ein System von Energiebahnen und -punkten zur praktischen Anwendung für uns selbst und andere, um Schmerzen und Beschwerden zu lindern. Grundlage ist die Philosophie des Ostens, die den Menschen in die Gesetze der Natur eingebettet sieht. Dieser Lehre zufolge formt sich das Leben aus einer Lebensenergie, die sich in verschiedenen Tiefen und Feinheitsgraden von den unsichtbaren kosmischen Kräften bis hin zum sichtbaren Körper manifestiert. Der menschliche Körper ist...