Jimmy Corrigan ist derart rückentwickelt, unnatürlich verstockt und chronisch sprachlos, bei geringfügigsten menschlichen Kontakten unheimlich überfordert, dass keine noch so freundliche Geste ihm auch nur für Sekunden eine Tür öffnen könnte zu so etwas wie einer gleichwertigen Erwiderung, geschweige denn zu einem Lächeln. Das ist auch das einzige, was man Chris Ware vorwerfen könnte und das Lesen gelegentlich anstrengend macht: Dieses Männchen, dass ausschaut wie 76 und fast geistig behindert wirkt, soll vierzig Jahre jünger sein? Und es gibt ganz und gar keine Entwicklung wohin auch immer auf 380 Seiten? Das ist ernüchternd, aber konsequent. Es ist schon viel über "Jimmy Corrigan" geschrieben worden, denn was hier vorliegt, ist ein Koloss an Originalität, in jeglicher Hinsicht. Fünf Punkte kann ich trotzdem nicht geben, denn die Statik dieser Leidensgeschichte - es liegt in der Familie - auch die Zerlegung einzelner Augenblicke und Assoziationsblitze, so einzigartig sie auch ausgeführt sind, sorgten bei mir ein wenig für Ermüdung. Doch es dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass man "Jimmy Corrigan" kennen muss, wenn man sich ernsthaft für Graphic Novels interessiert. Wares vermeintlich einfache Grafik dürfte endgültig gezeigt haben, dass annähernder Fotorealismus gar nicht in der Lage sein kann, menschliches Scheitern (hier: Dauerscheitern), Weltverlassenheit, Verkriecherei und Lieblosigkeit in Bilder zu fassen. Doch Ware kann viel mehr. Er findet Panelverkettungen und Seitenaufteilungen, die vor ihm keiner entwickelt hat. Ich dachte erst, er würde am Computer arbeiten, aber das alles ist tatsächlich sehr akkurat am Zeichentisch entstanden. Die einzige Graphic Novel, die eine theoretische Promotion (zumindest in den U.S.A. wird das vermutlich gehen) rechtfertigt, allein die Bildsprache dürfte Material für 100 Seiten liefern. Es gibt darin Szenen, die unheimlich peinlich sind. Und es gibt andere, in denen gewartet wird, sehr lange gewartet wird. Wer schon einmal zurückgewiesen worden ist (z. B. von einer Frau, von einem Pädagogen, von der Mutter...) - und wer ist das bitte schön nicht - der wird in dieser Kreatur jemanden finden, der das jeden Tag mehrfach erfährt. Das eigene Leben, gemessen an diesem Lebenslauf, wird zwangsläufig zum Abenteuer voller Glück und Wärmeschauern. Ware setzt den Fokus oftmals auf scheinbar banale Augenblicke, wechselt immer wieder die Darstellunsgweise, wird plötzlich cartoonesk, dann gelegentlich diese Bausätze aus Papier zum Ausschneiden. Der Einfallsreichtum des Erzählers Ware ist unerschöpflich. Dass der Schluss mit zwei zugedrückten Augen dann noch fast positiv ist, hat mich das Buch mit einem schiefen, zweideutigen Lächeln zuschlagen lassen. Wer bereit ist, sich auf diese im Grunde schreckliche Person einzulassen, auf den auf seine Art ebenso unsympathischen, taktlosen Vater und den Großvater als Kind (genauso sozial zurück geblieben wie Jimmy), ist man bereichert und wendet sich unterhaltsameren, schöneren Aktivitäten zu. Allzu oft will ich mit solchen Dingen, die so aussichtslos sind, nicht konfrontiert werden, wie man ja auch nicht tagaus tagein Filme von Michael Haneke sehen will.