Michael Ende nimmt mit seinem Klassiker "Jim Knopf und der Scheinriese" kleinen Kindern ab vier Jahren die Angst vor dem Fremden und Unbekannten.
1954 schrieb der, leider viel zu früh verstorbene, junge Michael Ende die phantasievolle, spannende, kindgerechte und augenzwinkernde Geschichte um Lukas, den Lokomotivführer aus dem Lummerland, das kleine Findelkind Jim Knopf und der liebevollen Lokomotive Emma
Lukas der Lokomotivführer, sein kleiner Freund Jim und Emma, die Lokomotive, sind die letzten Tage durch eine Wüste gereist. Die Vorräte sind zur Neige gegangen. Auf einmal taucht ein riesengroßer Riese am Horizont auf. Der kleine Jim hat fürchterliche Angst, aber Lukas stellt sich dem vermeintlichen Ungeheuer, das bei näherer Betrachtung eigentlich gar nicht so fürchterlich ausschaut, denn je näher man dem Riesen kommt, umso kleiner wird er (die Parallelen zur Gegenwart verblüffen: bis heute ein verbreitetes Phänomen bei vielen prominenten Riesen ;-). Am Ende entpuppt sich die Fata Morgana als freundlicher alter Mann, der die beiden Abenteurer nebst Lokomotive Emma in seine Oase einlädt und ihnen leckeres Fladenbrot mit Streichkäse serviert. Herr Tur Tur, so nennt sich der nette Gastgeber, ist nämlich in Wirklichkeit nur ein Scheinriese und erscheint nur aus der Ferne groß.
Die Themen die Michael Ende in seinen Erzählungen behandelte, galten immer dem Finden des eigenen Standpunktes. Mit Lukas, dem Lokomotivführer, gelang ihm eine Figur, die Märchenerscheinungen physikalisch erklärt, ohne ihnen den Zauber zu nehmen. Wunderbar verstand er Rationalität mit großer Humanität und Toleranz zu verbinden. Dabei bewegen sich Komödie und Utopie immer parallel mit Abenteuer und Lebensweisheit. So auch in diesem wunderschönen Bilderbuch. Mit den wenigen, bildhaften, aber dafür umso einfühlsameren Zeilen, die auch manch Erwachsenen durchaus noch zum Nachdenken anregen können, erklärt der Autor eine Fata Morgana und versucht, die Angst vor dem Fremden zu nehmen und Toleranz und Hilfsbereitschaft zu vermitteln.
Anlässlich seines 75. Geburtstages am 12. November 2004 startete der Thienemann Verlag eine wunderschön gestaltete Sonderedition. Ganz im ursprünglichen Sinne des Autors (Jim Knopf war ursprünglich nur als kleine Geschichte zu einem Bilderbuch gedacht) kommt der nunmehr neunte Band "Jim Knopf und der Scheinriese" als wunderschönes Bilder-Vorlesebuch für Kinder ab vier Jahren daher. Gebunden in robustes Halbleinen, illustriert in warmen erdigen Farben von Mathias Weber nach den Originalen von F. J. Tripp und einem von Beate Dölling nach Motiven des Autors überarbeiteten Text, ist daraus ein wahres kleines Schmuckstück geworden.
Fazit:
Michael Endes Liebe galt dem geschriebenen Wort. Er war ein Lautmaler, dessen Zeichnungen in Form von Worten und Beschreibungen in unseren Herzen Einzug hielten. Dieses Büchlein ist ein Beitrag, dass sie nicht verloren gehen. Denn in unserer technisierten, von Computer beherrschten Zeit ist ein Träumer wie Michael Ende der Hüter des verloren gegangenen Reiches der Phantasien.