Dass das Jiddische eine eigenständige Sprache ist, hat sich mittlerweile ja herumgesprochen -- spät genug, aber immerhin. War es vor 1940 noch die Muttersprache von ca. 10 Millionen Menschen vor allem in Osteuropa, so wird es heute, neben einigen europäischen Sprachinseln, vor allem in Nordamerika und Israel gesprochen.
Entwickelt hat sich das Jiddische aus dem Mittelhochdeutschen; als seine Sprecher nach den ersten Judenverfolgungen im 11. Jahrhundert nach Polen und später Litauen auswanderten, entwickelte es sich zur eigenen Sprache: Auch wenn Vokabular und Syntax die Herkunft nicht verleugnen können, so sind der hebräisch-aramäische und slawische Einfluss nicht zu überhören; in jüngster Zeit hat das Jiddische auch viele Anglizismen integriert -- kein Wunder, wenn die größte Sprechergemeinschaft heute in New York lebt.
Neben einem ca. 5600 Einträge umfassenden Wörterverzeichnis Jiddisch -- Deutsch, einer 1986 aktualisierten Auswahlbibliographie und einem v.a. an Sprachwissenschaftler und Germanisten gerichteten Vorspann enthält das vorliegende Wörterbuch noch jiddische Leseproben aus dem 14. bis 19. Jahrhundert, erfreulicherweise in deutscher Umschrift (Transkription). Man muss also kein Hebräisch können, um die Texte zu lesen und einen ersten Eindruck über das Jiddische zu gewinnen.
Siegmund Wolfs "Jiddisches Wörterbuch" richtet sich allerdings ausdrücklich und vor allem an Germanisten, bei denen er den Interessen-Schwerpunkt auf jenem Teil des Vokabulars vermutet, der aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangen ist. Das muss man sich vor Augen halten, bevor man dieses Wörterbuch aufschlägt: Nicht nur die Transkription (Umschrift mit lateinischen Buchstaben anstelle der üblichen hebräischen) folgt im wesentlichen den Regeln, nach denen Anfang des 20. Jahrhunderts deutschsprachige Forscher in Leipzig und Warschau vorgingen -- auch die Wortlisten beruhen i.d.R. auf Quellen von vor 1940, und auch Wolfs Einleitung verlangt zumindest rudimentäre Vorkenntnisse der Materie.
Außerdem berücksichtigt Wolf, wie gesagt, vor allem solche jiddische Wörter, die aus dem Mittelhochdeutschen abgeleitet wurden; nur vereinzelt nahm er auch Lehnwörter aus dem Hebräischen und Polnischen auf (jeweils entsprechend gekennzeichnet). Das hat Folgen: Man vemisst z.B. Wörter wie "goj", "meschugge" oder "koscher" -- jiddische Standards, wenn man so will. Und den Schlamassel findet man auch nur unter "schlimmas'l" -- man muss also schon vorher wissen, wonach man sucht.
Stattdessen findet man im Wörterverzeichnis aber z.B: Vokabeln wie langsamkeit, leben, schweben, frech, mischung -- alle mit genau derselben Bedeutung wie im Deutschen...
Nach welchen Kriterien der Lexikonteil erstellt wurde, geht aus Vorwort und Einleitung leider nicht klar hervor.
Wer sich also ganz einfach "so", interessehalber, mit dem Jiddischen befassen will (und das wird wohl auf die meisten Interessenten zutreffen), dürfte mit dem "Jiddischen Wörterbuch" von Ronald Lötzsch (Duden-Taschenbuch 24) auf jeden Fall besser bedient sein -- wenn man nicht zu einem englischsprachigen Wörterbuch greifen will.
Sprachhistorisch Interessierten allerdings bietet Wolf einige Vorzüge, vor allem eben die etymologischen Auskünfte zu jedem Lexikon-Eintrag, oder die ausführliche und kommentierte Bibliographie.
Im Zweifelsfall sollte man halt beide Bücher nebeneinander legen und vergleichen, bevor man sich für eines der beiden (oder ein ganz anderes) entscheidet. Beide haben ihre Vorzüge, auch wenn sie beide nicht perfekt sind.