"Jidn redn jídisch auf ále kontiéntn...."
In der Reihe der "Duden Taschenbücher" war im Oktober 1992 bereits in zweiter Auflage das
Duden Taschenbücher, Bd.24, Jiddisches Wörterbuch erschienen. Neben "Hinweisen zur Schreibung, Grammatik und Aussprache" standen darin in erster Linie um die 8000 Stichwörter im Mittelpunkt, die ein einzigartiges kulturelles und historisches Zeugnis offenbarten. In Ronald Lötzsch' zwölfseitigem Vorwort wurde die Geschichte und Kultur dieser, dem Deutschen nächstverwandten westgermanischen Sprache (!) allerdings nur sehr kurz angerissen.....
.....und es dauerte gut 17 Jahre, bis sich Marion Aptroot, Professsorin für Jiddische Kultur, Sprache und Literatur und ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Roland Gruschka, dieses Themas angenommen und in der "beck'schen Reihe" veröffentlichten. In ihrem Vorwort räumen die Autoren ein, dass eine kompakte und allgemeinverständliche Darstellung der jiddischen Sprache und ihrer Geschichte nicht erschöpfend sein kann, sondern sich auf eine sinnvolle Auswahl beschränken muss. Daher konnte vieles, vielleicht auch wichtiges, nicht berücksichtigt werden. Die Schwerpunkte der Darstellung wurden bei der Sprachgeschichte gesetzt, die jedoch nur vor ihrem kulturellen, sozialen und historisch-politischen Hintergrund zu verstehen ist. Die eigentliche Literaturgeschichte des Jiddischen musste ausgespart werden, da sie ein eigenes Buch erfordern würde.
Aptroot und Gruschka haben ihr 192seitiges Buch in neun Kapitel untergliedert. Das erste Kapitel widmet sich den Quellsprachen oder Komponenten des Jiddischen. Neben der deutschen Komponente (DtK), sind es auch die Hebräisch-Aramäische (HAK), die Slawische (SlK) und Romanische (RomK) aus denen die Sprache enstanden ist. Im Abschnitt Wortschatz und Struktur gibt es zahlreiche Beispiele für Flexion (der bojm - di bémer für Baum und Bäume), Artikel (a - doß für ein und das), Verbalsystem (máßkim sajn für zufrieden sein und ich hob máßkim gewén für isch war zufrieden), Verneinung (Ich hob kéjnem nit gesén) , Komposition (únterban für U-Bahn) und Verkleinerung (hintl von hunt für Hund). Die Sprecher des Jiddischen haben , wie es die Jiddistik nennt, ein erhöhtes Komponentenbewusstein, dass heisst, dass es ihnen von Wort zu Wort bewusst ist, aus welchen Quellsprachen sie ihre Wörter schöpfen. "A bróche machen" (einen Segen sprachen) besteht z. B. aus einer HAK und DtK, während "Licht bentschn"(Segensspruch über Sabbathkerzen sprechen) auf eine DtK und eine RomK zurückgreift. Kapitel zwei behandelt die Kultur der Aschkenas, die mittelalterlichen Frankreich als Zorfatim bezeichnet wurden. Der älteste überlieferte jiddische Satz stammt von einem Gebetsbuch für die Feiertage aus dem jahre 1272. Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Jiddischen nahm das traditionelle jüdische Erziehungswesen ein, das sich in seinen Grundzügen bis in die ersten beiden Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zurückverfolgen lässt. Im Bibelstudium mit seiner Wort fpür Wort Übersetzung entwickelte sich ein besonderer Wortschatz (tájtsch-loschn), der überwiegend Wörter der deutschen Komponente verwendete. Die weitere Verbreitung und Entwicklung geht auf diskriminierenden Zustände im westlichen Europa und die daraus resultierenden Auswanderungen nach Osteuropa zurück. Auch wenn dem askanasischen Judentum das hebräisch-Aramäische als Sakralsprache blieb, nahm es nun Wörter aus den slawischen Umgangssprachen auf. Unter der Überschrift "méme" oder "máme" stellt eine Tabelle unterschiedliche Worte des Westjiddischen dem Ostjiddischen gegen. Daneben differenziert eine weitere Tabelle noch in Nord-, Zentral- und Südostjiddisch Wörter, die neben dem Westjiddischen auch dem modernen Standardjiddisch (ab ca. 1750) gegenübergestellt werden. Dazu gibt es auch eine Karte über die Verbreitung der Jiddischen Dialekte vor dem Ersten Weltkrieg. Daneben gibt es noch eine Klassifizierung in Altjiddisch (1250-1500), Mitteljiddisch (1500-1750).
Das vierte Kapitel hat "Die ältere jiddische Literatur", wie z. B. den Cambridger Codex von 1382, den jiddischen Buchdruck (Melóchim und Schmúelbuch von 1543/44), die "Zeneréne" usw. zum Gegenstand. Der "Niedergang des Westjiddischen" der im 18. Jahrhundert einsetzte wird im fünften Kapitel behandelt. Waren bis dahin Jiddisch und Hbräisch die selbstverständlichen Sprachen der inneren Mehrsprachigkeit, ging man in einigen Familien und Kreisen dazu über, sich nun auch in der jeweiligen Landessprache und anderen Verkehrssprachen zu verständigen. Der Sprachwechsel in Deutschland war mit einer Akkulturation an die lebensweise des Bürgertums verbunden. Eine wichtige Rolle im Zentrum jüdischer Aufklärung spielte dabei die um 1770 entstandene Haskala (Vernüftigkeit, Einsicht). Ihre Anhänger, die Maskilimbtraten für eine religiöse, kulturelle und soziale Erneuerung des Judentums und die volle bürgerliche Emanzipation ein. Jiddisch galt ihnen als ein Jargon, der nicht nur symptomatisch für die kulturelle Rückständigkeit, sondern auch die Ursache für den moralische Verfall sei. Auch in den anderen europäischen Ländern vollzog sich dieser Sprachwechsel. Dennoch kamen bei den askenasischen Juden in West- und Mitteleuropa vor allem Begriffe des religiösen Lebens, die keine Entsprechungen in den neu erworbenen Sprachen besaßen, wie z. B. kóscher oder tfiln lejgn (engl. To lay Tefllin) nicht außer Gebrauch. Das sechste Kapitel beschreibt die kulturellen Strömungen in Osteuropa. So z. B. den Streit zwischen Haskala und dem Chassidismus, einer spirituellen Massenbewegung, die auch in Konflikt mit der Orthodoxie gerieten. "Die Zeit der Klassiker" nennt mit Abramovitsch, Scholem Alejchem und Peretz die wichtisgetn Vertreter der jiddischen Literaturszene und die Auswanderungen in alle Welt, die vsornehmlich die USA oder Palästina zum Ziel hatten. Während Jiddisch zur Weltsprache wurde, entbrannte unter den Zionisten ein Streit zwischen Jiddichsiten und Hebraisten um die Sprache der künftigen Nationalsprache.
Kapitel acht spiegelt die "Blüte, Assimilation und Zerstörung" des Jiddischen im 19. Jahrhundert in Europa, Amerika und der Sowjetunion. Gleichwohl sich in Palästina schließlich das hebräische durchsetzen sollte wurde bereits im August 1925 das jiddisch Wissenschaftliche Institut (YIVO) gegründet. Unter "Der churbn" wird die Zerstörung durch das NS-Regime und seiner Verbündeten beschrieben. Mit der Nachkriegsgeschichte, den jüngsten Entwicklungen und der Frage nach einer "Renaissance oder Ende" des Jiddischen beendet das letzte Kapitel die historischeen Betrachtungen. Im Anhang finden sich noch ein Tabelle zur "Umschrift und Aussprache des Jiddischen", ein Abkürzungsverzeichnis, nach Kapiteln gegliederte Literaturhinweise, sowie ein Register.
5 Amazonsterne für eine lesenswerte historische Abhandlung zur Glottognese einer Weltsprache.