Das Buch besticht allein schon durch seine Schreib- und Sichtweise. Der Verfasser gelingt es im Rückblick, sich in seine damaliges kindliches Verständnis wieder zurückzuversetzen, nur ab und zu unterbrochen durch kurze Reflektionen aus seinem späteren Wissen. Er klagt nicht an und fragt nicht nach den Ursachen, er gibt wieder, was in seiner Erinnerung haften geblieben ist.
Im Sommer 1944 scheint die Welt in Königsberg für den damals gerade achtjährigen Verfasser noch in Ordnung. Der Vater ist als Besatzungssoldat in Norwegen und schickt von dort Freßpakete. Doch als die Rote Armee an die Grenzen Ostpreußen heranrückt, diese im Januar 1945 durchbricht und Königsberg einschließt, verändert sich das Leben vollständig. Die Schulen schließen, die Versorgung bricht zusammen, der Junge lebt praktisch monatelang bei den deutschen Einheiten, die sich auf den letzten Ansturm der sowjetischen Truppen vorbereiten. Von den Soldaten lernt er im Umgang mit Waffen und Technik eine Menge, was sich bald als außerordentlich nützlich erweisen soll.
Nach der Einnahme der Stadt treiben die Russen Frauen und Kinder aus der Stadt. Während die sowjetischen Sturmtruppen sich anfangs noch zurückhalten, kommt es schon bald auf einem Friedhof zu Massenvergewaltigungen. Vor den Augen ihrer Kinder werden Mütter, Tanten und Schwestern mehrfach vergewaltigt. Die Mutter des Verfassers kann seinen kleinen Bruder nicht mehr säugen, und er stirbt. Irgendwo auf dem Lande werden dann die fast Verhungerten erst einmal sich selbst überlassen. In ihrer Verzweiflung kehren sie freiwillig nach Köngsberg zurück.
In den Ruinen der völlig zerstörten Stadt beginnt für den nun Neunjährigen ein Überlebenskampf, wie er härter nicht sein kann. Man kann das auch nicht in wenigen Worten zusammenfassen, das muß man lesen. Seine Großmutter und Mutter sterben.
Dann beginnt das Hohelied der Menschlichkeit - auch auf der Seite der Russen - das in allen derartigen Geschichten durchdringt und ohne das ein Überleben, auch nur von wenigen, nicht möglich wäre. Im Winter 1945/46 beginnt eine sehr kleine Zahl von Nonnen hunderte von Waisenkindern einzusammeln. Wer sechs Jahre alt ist, bekommt eine Überlebenschance, da auch weiterhin alles Lebensnotwendige (Nahrung und Heizmaterial) irgendwo in den Ruinen erbeutet werden muß. Die kleineren Kinder sterben fast alle.
Als das Waisenheim von einem kriegsversehrten russischen Hauptmann übernommen wird, beginnt sich die Lage allmählich zu bessern. Er setzt sich für die deutschen Kinder ein, möchte allen Vater sein. Der Verfasser erweist sich als außerordentlich geschickt und gelehrig, repariert zusammen mit einem für das Heim abgestellten deutschen Kriegsgefangenen Elektro- und Wasserleitungen, auch in den Häusern der sowjetischen Offiziere. Das wird mit Naturalien bezahlt. Aus Leningrad kommt eine Hilfssendung mit strapazierfähiger Kleidung.
Schließlich werden die Kinder 1947 in einem mit Soldaten bewachten Sonderzug nach Deutschland entlassen. Der Verfasser findet seinen Vater.
"Ich sah Königsberg sterben" von Hans Deichelmann ist wohl das klassische Buch über den Untergang Königsbergs. Aber auch "Überleben war schwerer als Sterben" von Erika Morgenstern und "In Heimatland in Feindeshand" von Heinz Schön sind dieser Erinnerung gewidmet.