Mich macht es traurig und betroffen, wenn so viele Rezensionen hier mit harten Worten über das Buch und die darin vertretenen therapeutischen Ansichten herfallen. Auch kann ich nicht nachvollziehen, dass die Autoren 100%ige Gegner von medikamentöser Behandlung seien. Das gibt das Buch einfach nicht her! ' Ich sehe aber auch das große Leid der Eltern und der weiteren Bezugspersonen. Leid kann hart machen und den Blick verstellen: Die Hilflosigkeit und Überforderung von Angehörigen und Eltern mag sich dann in Aggression einerseits (wie hier in manchen Rezensionen) aber auch in der Forderung nach 'einfachen, schnellen Lösungen' (nach medikamentöser Behandlung) andererseits zeigen. ' Meine nun folgende Rezension schreibe ich als selbst Betroffener, aktuell 61-jährig im psychotherapeutischen Bereich tätiger Mensch:
Als ich dieses Buch las, war ich angenehm berührt von den einfühlsamen Einsichten, aber auch von der angenehm ruhigen, liebevollen Sprache zweier Psychotherapeuten.
Hier wird AD(H)S-Therapie vorgestellt, wie sie wirklich sein sollte und ich erkenne diese Vorgehensweisen aufgrund meiner eigenen Kindheitserinnerungen sofort als richtig! Als ich die Fallbeispiele und das therapeutische Vorgehen der Autoren las, habe ich vor Berührtheit geweint. Denn genau so hätte ich mir damals als Kind gewünscht, angenommen und beachtet zu werden! Und genau diese Art an Hilfestellung hätte ich mir gewünscht und hätte ich dringend gebraucht!
Und das Vorwort unterschreibe ich ebenfalls sofort: Die Autoren äußern ihren Zorn, ihren Frust darüber, dass der Kostendruck im heutigen Gesundheitswesen, aber auch der (Leidens-)Druck der Eltern oder Lehrer (das Kind muss schnellstens 'normal' werden) zur fast zügellosen Verordnung von Psychopharmaka verleitet, statt geduldig das Engagement einer meist über 1-jährigen Therapie auf sich zu nehmen, aufgrund derer dann das Kind erlernen kann, wie es ohne Medikamente und ganz aus eigener Kraft mit seinen Besonderheiten konstruktiv umgehen kann.
Besonders erfreut hat mich die Schilderung, wie wichtig die Einbeziehung aller Bezugspersonen in eine Therapie ist. Denn auch aufgrund meiner eigenen Biografie weiß ich, dass Eltern und Lehrer dazu neigen, durch rigide Erziehungsmaßnahmen, Strafen und Ausüben von Druck das Kind zu einem angepassteren Verhalten zu bringen. Damit aber treten sie einen Teufelskreislauf los, der alle daran Beteiligten extrem belastet: Denn die meisten störenden Verhaltensweisen der Kinder werden erst durch das Verhalten der Bezugspersonen hervorgerufen und sind daher gar keine echten Symptome von AD(H)S!!!
Das Kind leidet unter dieser Belastung am meisten und entwickelt Bewältigungsstrategien, um sein Leiden erträglicher zu machen. Diese Bewältigungsstrategien sind fast immer schädigend können Ausmaße annehmen, die von unerfahrenen Therapeuten dann sogar als schwere psychische Störungen fehl-diagnostiziert werden. Erhalten Kinder keine echte Hilfe, können sie aufgrund dieser Zusammenhänge sogar Persönlichkeitsstörungen entwickeln!
Hier ist also eine sytemische Einbeziehung aller Bezugspersonen hilfreich, um Abwärtsspiralen in Eskalation nachhaltig zu unterbrechen. Die Autoren bedauern dabei, dass eben diese systemische Arbeit aber aus verschiedensten Gründen der Beteiligten nicht akzeptiert wird ' zum Nachteil des Kindes!
Aber auch auf Seiten der Forscher, der Verfasser von diagnostischen Leitlinien und AD(H)S-Testfragebögen sowie der Fachliteratur fehlt bisher weitgehend die systemische Betrachtungsweise. Es kann nicht oft genug betont werden: Viele der Symptome, die als 'typisch' für AD(H)S beschrieben werden, sind in Wirklichkeit Reaktionen auf das belastende Verhalten der Bezugspersonen und der Umwelt auf diese Kinder!!!
Um systemisch therapieren zu können, ist die Einbeziehung und das aktive Mitwirken aller Beteiligten erforderlich. Und es ist Geduld und viel zeit erforderlich. Zudem müsste eine Therapie so früh wie möglich beginnen, bevor sich Abwärtsspiralen zu drehen beginnen und sich dysfunktionale Bewältigungsstrategien in den Kindern verfestigen. ' Genau in dieser Einsicht der Zusammenhänge und Wirkungsmechanismen arbeiten die Autoren dieses Buches! Das begeistert mich, weil ich es aufgrund meiner eigenen Kindheitserlebnisse als richtig und stimmig erlebe!
Es wundert mich nicht, dass hier zwei Heilpraktiker der Psychotherapie als Autoren aktiv geworden sind. Denn sie sind nicht in den Strukturen und Vorgaben unseres kaputten Gesundheitssystems gefangen, in dem es mehr um Geld als um die Menschen geht. So können sie es sich leisten, ihre eigenen Erkenntnisse in neuen Therapie-Ansätzen umzusetzen, voller liebevollem, geduldigem Engagement zugunsten der Kinder mit dieser Besonderheit! ' Ich selbst würde als Therapeut nicht anders vorgehen!
Gegen Ende des Buches kommen auch einige Erwachsene mit der Besonderheit AD(H)S zu Wort. Wieder werden die Aussagen der zuvor zitierten Kinder bestätigt, indem diese Erwachsenen auf ihre Kindheitserfahrungen zurückblicken und äußeren, was sie damals wohl eher als Hilfsangebot gebraucht hätten. Nicht nur, weil diese Erwachsenen zitiert werden, sondern vor Allem, weil durch die Beobachtungen und Folgerungen in diesem Buch endlich ein realistisches Bild gezeichnet wird von dem, was A(H)S tatsächlich ist. Und weil in diesem Buch nicht 'die offizielle Lehrmeinung nach ICD-10 / DSM IV' kritiklos nachgebetet wird.
Die Richtigkeit der Aussagen in diesem Buch wird zudem nicht nur durch die vielen Schilderungen der betroffenen Klienten erhärtet, sondern auch durch die nachweisbaren Therapie-Erfolge, die die Autoren mit ihrem therapeutischen Vorgehen und der zugrunde liegenden anderen Sichtweise erreichen!