Neue Zürcher Zeitung
P. G. Wodehouse eine Hommage und ein Lesetipp
Lord Holbeton hat ein Problem: Er kann seine Angebetete, Sally, nicht heiraten, weil sein Vermögen vom alten Duff treuhänderisch verwaltet wird und der seiner Wahl niemals zustimmen wird; Duff, hingegen, ein Schinkenhändler in London, trauert noch immer seiner alten Flamme Mrs. Chavender nach, bei welcher Holbeton zu Besuch ist. Joss Weatherby ist Werbegraphiker in Duffs Schinkenimperium, nimmt aber eine Stellung als Butler bei Mrs. Chavenders Schwager Mr. Steptoe an, um Holbetons Verlobter Sally, in die er sich selbst verliebt hat, nahe zu sein und um ein Portrait von Mrs. Chavender, das er selbst gemalt hat, auf Bitten von Lord Holbeton für Duff von Steptoe zurückzustehlen.
Sätze wie diese darf man Lesern, die schliesslich für das Vergnügen, die Kulturseiten zu durchforsten, hart verdientes Geld bezahlt haben, nicht oft zumuten. Was hier aber angedeutet wird, sind die ersten dreissig Seiten von P. G. Wodehouses Roman «Quick Service», der nun in deutscher Übersetzung unter dem Titel «Jetzt oder nie!» erschienen ist. Wodehouse ist ein literarisches Vergnügen, dem ausserhalb des englischsprachigen Raumes noch immer viel zu wenige frönen, und er sei deshalb allen, die das Lesen lieben, ans weihnachtlich erwärmte Herz gelegt.
Von Lords und Schweinen
Die Inhaltsübersicht aller wodehouseschen Romane ist beinahe identisch: ein junges Paar, das, um zusammenzukommen, seltsame Hürden überwinden muss, oder ein junger Mann, der in irgendeiner trivialen Schwierigkeit steckt: eine Verlobung mit der Falschen etwa, die er einging, während das Verhältnis von Blut zu Champagner in seinen Adern wesentlich zugunsten des Champagners verschoben war. Eine ganze Horde von regelmässig wiederkehrenden Nebenfiguren ob es nun Lord Elmsworth ist oder Tante Agatha, Tante Claire oder Onkel Tristan sorgen für Konfusion und Unterhaltung und funktionieren allesamt nach dem ehernen Prinzip, dass die Intelligenz der Handelnden umgekehrt proportional ist zu ihrer sozialen Position. Jeeves, der Butler und Held vieler Romane, ist augenscheinlich ein Mann, den Aristoteles mit Neid beäugt hätte, während der wunderbare Lord Elmsworth wenig mehr im Kopf hat als seine preisgekrönte Zuchtsau, The Empress of Blandings, die er hütet wie seinen Augapfel. Was kann man auch erwarten von einem Mann, der «Wiffle's Care of the Pig» für ein literarisches Meisterwerk hält und nichts anderes liest und dessen höchstes Kompliment es ist, über jemanden zu sagen, er sei «Sound on Pigs» (ein solider Schweinemann)?
Wodehouse breitete dieses soziale Panorama der englischen Oberklasse er selbst nannte seine Romane «Operetten ohne Musik» in insgesamt 96 Romanen aus, verfasste aber auch 16 Theaterstücke, arbeitete an 28 Musicals mit und schrieb zahlreiche Geschichten. Angesichts dieser enormen Produktivität könnte man annehmen, dass viele seiner Schöpfungen wenig taugen, aber er ist bei weitem der konsistenteste aller englischen Literaten, wie einer seiner grössten Bewunderer, Evelyn Waugh, bemerkte: «Schreiben ist ein Handwerk wie jedes andere auch: Geige spielen, Cricket, Billard, Schnitzen, und die Meisterschaft eines Handwerks ist das Erreichen dessen, dem das Handwerk dient . . . Das Ziel des Schreibens ist das Erschaffen eines bestimmten Bildes und einer bestimmten Emotion. Dies erreicht man, indem man die Worte, die das Handwerkszeug bilden, richtig auswählt und in die richtige Reihenfolge bringt, und hierin ist Mr. Wodehouse, was das Englische betrifft, besser als irgendjemand anders, der heute lebt.»
Übertriebenes Lob für einen «blossen Gebrauchsautor»? Nun, erstens muss man wohl von der literarischen Arroganz absehen, die meint, nur solche Werke seien Kunst, die Tiefes tief ausdrücken, egal ob das resultierende Werk handwerklich sauber ist oder nicht. Man kann aber auch weitere Referenten nach ihrer Meinung fragen, sollte man sich die harmlose Freude, Wodehouse zu lesen, nicht ohne den Segen literarischer Autoritäten zutrauen: Hillaire Belloc war ein Bewunderer, Steven Fry führt Wodehouse als grosses Vorbild an, Waugh setzte sich dafür ein, dass er literarisch ernst genommen würde. Wodehouse ist ein Goldstandard des literarischen Handwerks, noch wichtiger aber: Er hat nicht ein einziges Buch geschrieben, das kein Vergnügen bereiten würde. Wie Fritz Senn sagt: «Wodehouse nicht zu mögen, ist kein Vergehen, nur ein Unglück.»
Die literarische Welt dieses Meisters ist eine reine Phantasiewelt, in der es keine rohen Leidenschaften gibt, keine Kriege, keine Verzweiflung. Der reizende, aber erblich leicht verblödete Bertie Wooster, der von seinem Butler Jeeves immer wieder aus kitzligen Situationen gerettet werden muss, erscheint erstmals 1917 und ist dabei niemals auch nur in die Nähe eines Schützengrabens oder sogar einer Uniform geraten. Dabei war das Leben des Autors selbst vom Krieg nachhaltig gezeichnet. Von den Nazis in seiner französischen Villa interniert, machte er einige Rundfunksendungen aus Berlin, in denen er seine eigene Situation und die der Herrenrasse subtil persiflieren wollte: «Junge Männer, die gerade ihr Leben beginnen, fragen mich oft: Wie kann ich mich am besten internieren lassen? Nun, es gibt verschiedene Methoden. Meine eigene war, eine Villa in Le Touquet an der französischen Küste zu kaufen und zu warten, bis die Deutschen kommen. Das ist wahrscheinlich das beste und einfachste System. Du kaufst die Villa, und die Deutschen machen den Rest.»
Der britische Sinn für Humor auf den sonst wesentlich mehr Verlass ist als auf britische Fahrpläne, Elektriker oder das Wetter versagte in diesem Fall allerdings spektakulär. Ein Journalist warf dem Autor im «Daily Mirror» (wo auch anders?) vor, sein Vaterland verkauft zu haben, und nach dem Krieg kam es zu einer offiziellen Untersuchung, die Wodehouse zwar von jedem Verdacht der Kollaboration freisprach, aber den Schaden nicht wieder gutmachen konnte. Den Rest seines Lebens verbrachte der Schriftsteller in den Vereinigten Staaten. Die Erhebung in den Ritterstand, die er längst verdient hatte, wurde ihm erst 1975, zwei Monate vor seinem Tod im Alter von 94 Jahren, zuteil.
Der «Wodehouse Wit», der Esprit, der jeden Satz seiner Romane zu einem kleinen Prosa-Meisterwerk macht, leuchtet heute noch so hell wie eh und je. Das macht ihn zu einem Evergreen, kompliziert aber gleichzeitig die Aufgabe des Übersetzers. Ein Text, der so sehr und so ausschliesslich von seinem Ton lebt, von den sozialen Nuancen und ironischen Wendungen, ist kaum in eine andere Sprache zu übertragen. Der Übersetzer von «Jetzt oder nie!» gibt sich redlich Mühe, die funkelnden Dialoge und Beschreibungen auch im Deutschen über die Oberfläche der Sprache hüpfen zu lassen, aber es ist wohl unvermeidlich, dass hin und wieder ein Satz absackt: Schuld nicht der Übersetzung, sondern des Mediums. Was im Englischen eine Phantasiewelt ist, die direkt aus der Realität abgeleitet war und deren Rhythmen und Stereotypen verwendete, wird in der Übertragung oft zu einer künstlichen und etwas gestelzten Angelegenheit.
Tag für Tag
Trotzdem: Wodehouse ist es wert, gelesen zu werden, und allen jenen, die in der Welt mehr Konfrontation als Komik sehen, sei dringend empfohlen, neben dem morgendlichen Müsli eine Seite Wodehouse zu lesen eine Therapie, die in unzähligen Fällen Wunder gewirkt hat. Um es in eine wodehousianische Sentenz zu fassen: Wenn die Kinder, die damals mit einem Buch um den noch heidnischen Sankt Augustinus herumhüpften und «tolle lege» (nimm und lies) sangen, statt der Bibel einen Wodehouse-Roman in seine Hände gedrückt hätten, wäre die Welt heute ein freundlicherer Ort.
Philipp Blom -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Perlentaucher.de
Eine bekennende Rezension. Der Rezensent ist Fan der Wodehouse-Literatur, des Wodehouse-Kosmos. 96 Romane hat der Autor nämlich geschrieben, und alle seien sie handwerklich von feinster Machart, nie nachlässig oder unstimmig gearbeitet, behauptet Philipp Blom. Die Geschichten blieben sich ähnlich, meint Blom, irgendein junges Paar, das nicht zusammenkommen kann, triviale Schwierigkeiten trivialer Personen der englischen Oberschicht, die vom Autor nuancenreich und ironisch vorgeführt würden. Je besser die soziale Position, desto geringer die Leistung der Intelligenz, charakterisiert Blom das Personal der Wodehouseschen Romane, und im Grunde sei der Butler der geheime Held. Höchste Zeit anzuerkennen, dass Wodehouse mehr war als ein Gebrauchsautor, meint der Rezensent. Er berichtet, dass der in Frankreich ansässige Autor von den Deutschen in seiner Villa interniert wurde und darüber eine Glosse verfasst hat, die ihm seine Landsleute bis an sein Lebensende übel genommen haben. (So weit ist es also mit dem britischen Humor auch nicht her.) Im Deutschen wirke der Wodehouse-Witz manchmal etwas gestelzt oder gekünstelt, trotz der feinen Übersetzung, dennoch sei Wodehouse ein Evergreen, das sich jeder unter den Weihnachtsbaum oder neben seine Müsli-Schale legen sollte, wünscht sich Philipp Blom.
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Pressestimmen
»Tumbe Adlige, pfiffige Diener, ein vierschrötiger Geschäftsmann sowie ein reizendes, aber verhindertes Liebespaar - bei P.G. Wodehouse geht es immer zu wie in einer turbulenten Operette. Was dort die Musik ist, ist beim Romancier Wodehouse jene einzigartige, witzgeladene Sprachmelodie, die ihn zu Englands größtem Humoristen gemacht hat und in Jetzt oder nie! besonders herzerfrischend klingt.«
(Ferdinand Quante )Über den Autor
P.G. Wodehouse, geboren 1881 in Guildford, Surrey, starb 1975 in Long Island, NY. 1902 veröffentlichte er seinen ersten Roman, 95 weitere folgten. Er hat »nicht ein einziges Buch geschrieben, das kein Vergnügen bereiten würde« (Philipp Blom, Neue Zürcher Zeitung). Zwei Monate vor seinem Tod wurde der 94jährige Wodehouse von der Queen in den verdienten Ritterstand erhoben.