Max Frisch, der Name begegnete einem bereits in der Schulzeit. Sein "Homo faber" war vielerorts Pflichtlektüre, vielleicht auch seine Theaterstücke "Andorra" oder "Biedermann und die Brandstifter". Er bekam den Nimbus des Uncoolen, des ungeliebten Schulbuchklassikers: "unbeweglich, verstanden, eingeordnet." Doch in seinem Tagebuch bemerkte Ingeborg Gleichauf, die u. a. bereits über Simone de Beauvoir und Hannah Ahrendt zwei wundervolle Biografien geschrieben hat, einen ganz anderen Frisch, einen blumigen, bilderreichen Autor, einen Poeten, "der mit den Augen schreibt, dessen Beschreibungen so sinnlich sind, dass einem beim Lesen die Augen aufgehen, dass man das Gefühl bekommt, nicht selbst sehen zu müssen, um eine Vorstellung zu bekommen. Die Sprache macht sichtbar."
Ingeborg Gleichauf entdeckte den Schweizer neu für sich. Sie schaut ins Innere der Person Max Frisch und kommt ihr damit sehr nahe. "Das ist wichtig!", hört sie ihn immer wieder sagen. "Damit ja nicht vergessen wird, das aufzuschreiben, was wirklich wichtig ist." Die Annäherung an Frisch gestaltet sie sehr persönlich, der wissenschaftliche Anspruch steht nicht an erster Stelle. Gleichauf erzählt dem Leser die Lebensgeschichte des Schweizers chronologisch und beleuchtet erklärend. Schlaglichtartig treten einzelne Facetten seiner Persönlichkeit hervor: Seine Kindheit wird nur kurz angeschnitten. Er beginnt ein Gemanistikstudium, wechselt jedoch zur Architektur. Aber das Schreiben gewinnt letztendlich doch die Oberhand. Nach seinem Romanerfolg "Stiller" wird es gelebte Berufung.
Gedanken in Worte zu fassen bedeutet für Max Frisch mit dem Seltsamen des Lebens umzugehen, "sich vor allem sprachlich damit auseinanderzusetzen." Auf "Seltsamkeiten" wird er fortwährend treffen. Bedingt vielleicht ob seiner eigenen Zerrissenheit und Sehnsucht. Zeitlebens bleibt er ein Zweifelnder und Suchender: Vom ersten journalistischen Schreiben bis hin zur künstlerischen Unabhängigkeit, vom Ausbruch aus der bürgerlichen Kulisse seiner ersten Ehe, über die Beziehung mit Ingeborg Bachmann bis hin zu seiner zweiten Ehe mit Marianne Oellers, die auch nicht halten wird. Als ein ständiges Suchen nach sich selbst, ein Finden des eigenen Sprachrhythmus, könnte man seine Biografie bezeichnen. Auch seine vielen Reisen zeugen davon. Sein Blick für gesellschaftliche Veränderungen, für politische Ereignisse und Entwicklungen wird dabei immer wacher.
Max Frisch in eine Schublade zu stecken fällt schwer. Seine Arbeit hört nie auf, vielfältig zu sein, experimentell und nicht festgelegt auf ein Thema oder eine Gattung. Prosa, Theater, Film, Essay, Tagebuch... der Schweizer bewegt sich zeitlebens geradezu mäandrierend zwischen den Genres. Vor allem seine Bühnenfiguren üben eine besondere Faszination aus, weil sie in ihren Rollen nicht aufgehen und immer ein Rest, etwas Ausgespartes bleibt. Der Schweizer wehrt sich dagegen, festgenagelt zu werden, einen "Standbildcharakter" zu bekommen. Die letzten Worte am Sarg, gesprochen von Peter Bichsel, seinem langjährigen Freund, sprengen noch einmal den Rahmen, in dem Frisch bereits fest zu ruhen schien: "Wir wollen versuchen, es denen schwer zu machen, die dich als Klassiker ablegen möchten. Komm, bleib bei uns. - Wir werden dich lesen. Aber Max ist tot. Jetzt nur nicht die Wut verlieren."
Das Buch - ergänzt durch zahlreiche Fotos - liest sich leicht, fast wie ein Roman, und ist doch sehr detailgenau und differenziert. Es spricht daher ganz konkret auch jugendliche Leser an. Gewissermaßen erlebt man Frischs Leben - jede Reise, jede Beziehung, jede neue Erfahrung, jedes literarische Projekt - noch einmal mit seinen eigenen Augen. Es ist Ingeborg Gleichauf ohne waghalsige Spekulationen, aber durchaus mit kritischem Abstand, gelungen, Frischs einzelne Lebensabschnitte mit seinen jeweiligen Romanen, Theaterstücken oder Schriften zu verzahnen: eine durchgehend geschickte Verflechtung von Beschreibung und Analyse, ein authentisches Werk, das sich stellenweise wie eine Autobiografie liest. "Das ist wichtig!", hört nun auch der Leser Max Frisch sagen. "Damit ja nicht vergessen wird, das aufzuschreiben, was wirklich wichtig ist."