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"Shit Happened" heißt der erste Akt dieser Tragikomödie und benennt damit ein Leitmotiv. Vernon Little ist knapp 16, als Jesus, sein einziger Freund, durchdreht und 16 Mitschüler erschießt. Während der eine schießt -- auch Pierre lässt keinen Kalauer aus --, muss der andere scheißen. Das rettet ihm das Leben und versaut es. Weil Vernon das peinliche Alibi für sich behält und der "Mexikaner-Bengel2 Jesus tot ist, bekommt er die volle Wucht des Volkszorns zu spüren. Und die manipulative Macht der Medienmeute, die für die Karriere sprichwörtlich über Leichen geht und die eigene Mutter verleugnet.
In diese Versuchung gerät auch Vernon, denn Doris Little, die schon mal Selbstmordversuche mittels Elektroherd unternimmt, macht ihn "abwechselnd wütend und traurig". Wie Doris mit ihren Freundinnen kurz nach dem Massaker über Diäten diskutiert oder ihrer neuen Kücheneinrichtung entgegenfiebert, das wäre zum weinen, wenn es nicht so komisch wäre. Dann wirft sie sich dem TV-Journalisten Lally an den Hals und als dessen Intrigen ihren Sohn in die Todeszelle bringen, stellt sie liebevoll eine Henkersmahlzeit zusammen, mit Krautsalat, "wegen der Gesundheit".
Wer einen Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen -- nach diesem Motto werden wir über einen Jahrmarkt der Eitelkeiten geführt. Dort taumelt ein rundherum unschuldiger Held durch medial inszenierte Geisterbahnen und Spiegelkabinette und glaubt bis zum Schluss daran, dass "die gute alte Wahrheit im Anmarsch ist". Keine Institution, ob Schule, Justiz oder Fernsehen, bleibt ungeschoren. Vernons Leben gerät zur ultimativen Reality-Show: Kameras im Todestrakt, per TED werden Kandidaten für die Giftspritze ermittelt.
Die Politik hat abgedankt, Richter und Reporter haben das Sagen -- fiese Figuren, überzeichnet, aber beängstigend real. Lally und die anderen "Bösen" sind nur Teil des allgemeinen "menschlichen Schleimgulaschs", einer pervers-bigott-materialistischen Gesellschaft, für die die Diagnose lauten muss: unheilbar krank.
Was so sozialkritisch klingt, ist über weite Strecken ein Heidenspaß. Wegen der saftigen Sprache, weil die Moral von der Geschicht fehlt und Vernon mit seinen Verbalattacken schnell unser Herz gewinnt. Für einige ist es "das erste Buch des Jahres", eventuell die Übersetzung des Jahres. Huckleberry Finn, Holden Caulfield, bitte aufrücken! --Patrick Fischer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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DBC steht für "dirty, but clean" - der Autor ist kein adeliger Franzose,
sondern ein rechtschaffen abgedrehter, zweiundvierzigjähriger Amerikaner,
dessen Vita sich wie die einer Figur aus "Reservoir Dogs" liest. Pierre
a.k.a. Peter W. Finlay hat einiges auf dem Buckel, zuletzt einen schweren
Autounfall, dem eine Gesichtsoperation folgte - also Krönung, sozusagen.
Seine Vita läßt nichts aus - Filmproduzent, Schmuggler, Betrüger. Die
Einnahmen aus "Jesus von Texas" (OT: "Vernon God Little"), das den
britischen Booker-Price 2003 - verdient - gewann, sollen auch dazu dienen,
einigen der früheren Opfer Schadenersatz zu zahlen.
Martirio, Texas, ist das, was man gemeinhin ein "elendes Pißnest" nennen
würde. Irgendwo in der Wüste hocken ein paar Leute aufeinander, die mehr
oder minder alle miteinander verwandt sind, die sich gegenseitig in die
Wohnzimmerfenster starren, großes Vergnügen daran haben, die kleinen
Niederlagen der anderen beobachten zu dürfen, über die neuesten Diäten
schwatzen, während sie tonnenweise Futter von "Bar-B-Chew Barn" verputzen,
auf die "Special Edition" der neuesten Kühl-Gefrier- Kombination warten,
rund um die Uhr fernsehen und ansonsten so tun, als wäre alles im Lot. Bis
Jesus, der fünfzehnjährige Outsider, seine Knarre nimmt und sechzehn
Mitschüler massakriert, schließlich auch sich selbst. Vernon Little,
bester Freund des ansonsten wenig geliebten Jesus, überlebt das Unglück,
weil ihn seine Inkontinenz dazu zwingt, im Busch ein Häufchen zu machen.
Das piefige, uramerikanische Nest wird gehörig durchgewirbelt - und Vernon
zur Zielscheibe der Medien, zum Ventil für den aufgestauten
Kleinstädterhaß, während die Bewohner ihr bestes geben, um das belanglose,
spießige Leben aufrechtzuerhalten.
Der Junge mit dem "Problem", auf das seine alleinerziehende, prollige
Mutter im rechten Moment hinzuweisen weiß, eine der "offenen Wunden im
Rücken, die wir alle mit uns herumtragen", muß als Sündenbock
("Sündenlok", wie er es nennt) herhalten, weil sich der eigentliche Täter
selbst gerichtet hat, der Mob aber trotzdem Vergeltung fordert. Eine
Odyssee durch Kleinstadtknäste, stinkende Überlandbusse, die mexikanische
Grenze und reichlich skurille Nebenschauplätze beginnt, die schließlich in
der Todeszelle zu enden scheint. Vernon weiß kaum, wie ihm geschieht, bis
fast zuletzt glaubt er daran, daß die Wahrheit ans Licht kommen wird, weil
das in den Filmen, der primären Sozialisationsmaßnahme *aller* Amerikaner,
auch immer passiert. Aber er hat die Rechnung ohne die Apathie seiner
Mitbürger gemacht, die Teilnahmslosigkeit selbst seiner eigenen Mutter,
der die Worte des abgehalfterten Reporters, der sich bei ihr eingenistet
hat (Eulalito Lesdema - eine fantastische Nebenfigur), weit mehr bedeuten,
als die Unschuldsbeteuerungen des eigenen Sohnes. Vernons Spießrutenlauf
gerät zum Medienereignis, als Sahnetüpfelchen werden die Mitbürger per TED
darüber abstimmen dürfen, welcher Insasse des Todestraktes zuerst auf die
Bahre geschnallt wird.
DBC Pierre bohrt intensiv in der Rückenwunde aller Amerikaner, ihrer
Selbstzufriedenheit, Arroganz, Weltfremdheit, Intoleranz, ihrer
aufgesetzten Gottesfürchtigkeit und medialen Zentrierung - und er leistet
das weitaus besser, als etwa Michael Moore mit seinen flachen,
halbsatirischen Sachbüchern, die keine sind - oder McDonnell in seinem
fadenscheinigen New Yorker Jugendidyll, dessen Figuren so glaubhaft wirken
wie die Besetzung von "Beverly Hills, 90210". Weil Pierre ein unschuldiges
Kind mitten in die gefräßige Maschinerie des Post-Prä- Bush-American Way
of Life stößt und einen Fünfzehnjährigen staunend, manchmal larmoyant,
hautpsächlich aber uramerikanischen - längst vergessenen - Idealen folgend
durch eine Szenerie stolpern läßt, aus der man ihn als Leser um jeden
Preis herausholen möchte, weil die schreiende Ungerechtigkeit, die
gnadenlose Tumbheit und die abgebrühte, hochdumme Ignoranz einfach nicht
obsiegen dürfen. Hätte man eine Knarre, würde man es Jesus gleichtun - und
das ist kein zweifelhafter Schluß, sondern eine zwingende Konsequenz.
Ein mordsböses, bravouröses, atemloses, rasantes, toll geschriebenes und
brüllend komisches Buch, das an keiner Stelle das eigene "Para-Dickma"
aufgibt und ein Amerika zeichnet, das grausiger nicht sein könnte: Das
wahre Amerika eben. Ein Hammer. Kaufen, kaufen, kaufen!
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