69 von 80 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Hammer!, 4. Februar 2004
Rezension bezieht sich auf: Jesus von Texas (Gebundene Ausgabe)
Im vergangenen Frühjahr quälte Elke Heidenreich Nick McDonnells "Zwölf" in
die Bestsellerlisten; die Literaturgemeinde ihrerseits quälte sich mit
diesem oberflächlichen, pubertierenden und belanglosen Roman, versuchte
das menschenmögliche, dem mageren Büchlein eines immerhin erst
Siebzehnjährigen Authentizität abzugewinnen, zog Schlüsse, mühte sich mit
politischen, sozialen, pädagogischen Vergleichen. Aber der Roman blieb,
was er ist: Ein müdes, aufgesetztes, gezwungen cooles, nihilistisches
Traktat knapp über Schulaufsatzniveau. Doch es ist Land in Sicht, dann das
Versprechen, das "Zwölf" zu geben schien, hält "Jesus von Texas" umso mehr
ein.
DBC steht für "dirty, but clean" - der Autor ist kein adeliger Franzose,
sondern ein rechtschaffen abgedrehter, zweiundvierzigjähriger Amerikaner,
dessen Vita sich wie die einer Figur aus "Reservoir Dogs" liest. Pierre
a.k.a. Peter W. Finlay hat einiges auf dem Buckel, zuletzt einen schweren
Autounfall, dem eine Gesichtsoperation folgte - also Krönung, sozusagen.
Seine Vita läßt nichts aus - Filmproduzent, Schmuggler, Betrüger. Die
Einnahmen aus "Jesus von Texas" (OT: "Vernon God Little"), das den
britischen Booker-Price 2003 - verdient - gewann, sollen auch dazu dienen,
einigen der früheren Opfer Schadenersatz zu zahlen.
Martirio, Texas, ist das, was man gemeinhin ein "elendes Pißnest" nennen
würde. Irgendwo in der Wüste hocken ein paar Leute aufeinander, die mehr
oder minder alle miteinander verwandt sind, die sich gegenseitig in die
Wohnzimmerfenster starren, großes Vergnügen daran haben, die kleinen
Niederlagen der anderen beobachten zu dürfen, über die neuesten Diäten
schwatzen, während sie tonnenweise Futter von "Bar-B-Chew Barn" verputzen,
auf die "Special Edition" der neuesten Kühl-Gefrier- Kombination warten,
rund um die Uhr fernsehen und ansonsten so tun, als wäre alles im Lot. Bis
Jesus, der fünfzehnjährige Outsider, seine Knarre nimmt und sechzehn
Mitschüler massakriert, schließlich auch sich selbst. Vernon Little,
bester Freund des ansonsten wenig geliebten Jesus, überlebt das Unglück,
weil ihn seine Inkontinenz dazu zwingt, im Busch ein Häufchen zu machen.
Das piefige, uramerikanische Nest wird gehörig durchgewirbelt - und Vernon
zur Zielscheibe der Medien, zum Ventil für den aufgestauten
Kleinstädterhaß, während die Bewohner ihr bestes geben, um das belanglose,
spießige Leben aufrechtzuerhalten.
Der Junge mit dem "Problem", auf das seine alleinerziehende, prollige
Mutter im rechten Moment hinzuweisen weiß, eine der "offenen Wunden im
Rücken, die wir alle mit uns herumtragen", muß als Sündenbock
("Sündenlok", wie er es nennt) herhalten, weil sich der eigentliche Täter
selbst gerichtet hat, der Mob aber trotzdem Vergeltung fordert. Eine
Odyssee durch Kleinstadtknäste, stinkende Überlandbusse, die mexikanische
Grenze und reichlich skurille Nebenschauplätze beginnt, die schließlich in
der Todeszelle zu enden scheint. Vernon weiß kaum, wie ihm geschieht, bis
fast zuletzt glaubt er daran, daß die Wahrheit ans Licht kommen wird, weil
das in den Filmen, der primären Sozialisationsmaßnahme *aller* Amerikaner,
auch immer passiert. Aber er hat die Rechnung ohne die Apathie seiner
Mitbürger gemacht, die Teilnahmslosigkeit selbst seiner eigenen Mutter,
der die Worte des abgehalfterten Reporters, der sich bei ihr eingenistet
hat (Eulalito Lesdema - eine fantastische Nebenfigur), weit mehr bedeuten,
als die Unschuldsbeteuerungen des eigenen Sohnes. Vernons Spießrutenlauf
gerät zum Medienereignis, als Sahnetüpfelchen werden die Mitbürger per TED
darüber abstimmen dürfen, welcher Insasse des Todestraktes zuerst auf die
Bahre geschnallt wird.
DBC Pierre bohrt intensiv in der Rückenwunde aller Amerikaner, ihrer
Selbstzufriedenheit, Arroganz, Weltfremdheit, Intoleranz, ihrer
aufgesetzten Gottesfürchtigkeit und medialen Zentrierung - und er leistet
das weitaus besser, als etwa Michael Moore mit seinen flachen,
halbsatirischen Sachbüchern, die keine sind - oder McDonnell in seinem
fadenscheinigen New Yorker Jugendidyll, dessen Figuren so glaubhaft wirken
wie die Besetzung von "Beverly Hills, 90210". Weil Pierre ein unschuldiges
Kind mitten in die gefräßige Maschinerie des Post-Prä- Bush-American Way
of Life stößt und einen Fünfzehnjährigen staunend, manchmal larmoyant,
hautpsächlich aber uramerikanischen - längst vergessenen - Idealen folgend
durch eine Szenerie stolpern läßt, aus der man ihn als Leser um jeden
Preis herausholen möchte, weil die schreiende Ungerechtigkeit, die
gnadenlose Tumbheit und die abgebrühte, hochdumme Ignoranz einfach nicht
obsiegen dürfen. Hätte man eine Knarre, würde man es Jesus gleichtun - und
das ist kein zweifelhafter Schluß, sondern eine zwingende Konsequenz.
Ein mordsböses, bravouröses, atemloses, rasantes, toll geschriebenes und
brüllend komisches Buch, das an keiner Stelle das eigene "Para-Dickma"
aufgibt und ein Amerika zeichnet, das grausiger nicht sein könnte: Das
wahre Amerika eben. Ein Hammer. Kaufen, kaufen, kaufen!
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
"...was soll denn das für ein Scheißleben sein?", 13. August 2011
Zum Inhalt:
Die Geschichte spielt in Martirio in Texas; einer Kleinstadt, in der offensichtlich jeder jeden kennt. Vernon Little ist 15 Jahre alt, als sein Freund Jesus sechzehn seiner Klassenkameraden und anschließend sich selbst erschießt. Als einer der wenigen Überlebenden wird Vernon zum Sündenbock der Stadt - und wird unverzüglich als Mitschuldiger des Verbrechens betrachtet.
Das Buch wird aus der Sicht Vernon Littles geschildert und beschreibt den Albtraum seines Lebens, der den Monaten der Schießerei folgt. Überraschender Weise geschieht das mit Humor und Ironie.
Vernon lebt mit seiner Mutter zusammen, sein Vater verschwand einige Zeit zuvor. Beide haben wenig Geld, und Vernons Mutter hat ganz offensichtlich einige emotionale Probleme. Vernon beteuert standhaft seine Unschuld im Bezug auf das Massaker (flieht sogar vorübergehend nach Mexiko, weil ihm niemand glaubt). Aber die Stadtbewohner suchen nach einem Weg, um Zorn und Trauer zu bewältigen. Leider hat Vernon keine Idee, wie er das Rechtssystem von seiner Unschuld überzeugen kann; und seine Mutter ist alles andere als eine Hilfe. Er freundet sich mit dem Reporter Lally an, der vorgibt auf seiner Seite zu sein - aber es stellt sich heraus, dass dieser nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und das Feuer des Zorns in der Stadt erst so richtig entfacht.
Vernon begeht einige dumme Dinge, die den Verdacht seiner Schuld für die Autoritäten nur erhöhen. Und diese Verzweiflungstaten machen ihn Schritt für Schritt für die Tat nur verdächtiger.
"Jesus von Texas" ist kein Buch für jemanden, der eine glaubhafte Story braucht. Um genau zu sein sind einige Passagen des Buchs so frevelhaft, dass sie an das Bizarre grenzen. Man bekommt mit diesem Buch keine große Persönlichkeitsentfaltung - jeder ist eine Karikatur von jemandem, den der Leser wahrscheinlich aus seinem eigenen Leben kennt. Aber für mich war der geradlinige Ton dieser Geschichte erfrischend und kraftvoll. Ich denke: entweder man mag diese Novelle, oder nicht. Das Buch ist eines der wenigen Beispiele, wo es keinen Mittelweg gibt.
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21 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Jesus Maria, was ein Kracher., 25. Mai 2004
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Jesus von Texas (Gebundene Ausgabe)
Es ist schon ziemlich lange her, dass mich ein Buch derart zum Lachen gebracht hat wie „Jesus von Texas". Andererseits ist das Buch eine sehr ernste Angelegenheit. Ein Buch über die intime Tyrannei der Medien, über die Sensationslust einer gelangweilten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, die nicht nur immer spektakulärere Spektakel, sondern auch einen personifizierten Sündenbock braucht, auf den die eigenen Frustrationen, Sorgen und Qualen übertragen werden können. Einen modernen Jesus (von Texas) eben. (In dieser Hinsicht hat sich seit 2000 Jahren offenbar nicht viel verändert). Somit ist Jesus nicht nur der Name des durchdrehenden Schulfreundes des Protagonisten Vernon Little. „Jesus von Texas" beschreibt m.E. auch die Rolle dieses 16-jährigen Anti-Helden, der zu Unrecht des Mordes angeklagt und von den Medien gehetzt wird und als Sündenbock herhalten muss.
Grandios geschrieben, mit vielen Ideen auf zu wenig Seiten kommt dieses Buch wie eine bitterböse Abrechnung mit einer medienverseuchten Gesellschaft daher. Ironisch, sarkastisch, urkomisch und todtraurig. Das Werk eines Autors, der offenbar auch selbst fast alles Miese der Welt gesehen und erlebt hat. Ansonsten kann man so einen Kreuzgang des 21. Jahrhunderts wohl kaum schreiben.
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