2007 hielt Professor Homolka seine Antrittsvorlesung an der Universität Potsdam über Aspekte der jüdischen Leben-Jesu-Forschung. Diese ist vielen noch immer unbekannt. Ja, es hält sich das Vorurteil, Juden seien an Jesus gar nicht interessiert. Darum wünsche ich diesem Büchlein, das schon nach kurzer Zeit in 2. Auflage erscheint, eine weite Verbreitung. Man wird kaum anderswo eine so kenntnisreiche, knappe Übersicht über das wichtigste Kapitel jüdisch-christlicher "Vergegnung" bekommen.
Angesichts der verhängnisvollen Geschichte versteht man ja gut, dass Juden zunächst Jesus nur negativ wahrnehmen konnten. Die Evangelien sind selber Tendenzschriften, in denen ihr Bild nicht positiv gemalt wird. Dies erleichterte es den Christen zu verdrängen, dass Jesus und die ersten Anhänger selber Juden waren. Insbesondere die christliche Interpretation des Todes Jesu zu Lasten der Juden erregte ihren Widerspruch, der bis heute anhält. So machte sich der ehemalige oberste Richter Israels noch 1968 die Mühe, den Prozess Jesu zu recherchieren und jüdische Verantwortung für seinen Tod zurückzuweisen.
Die Jesusbilder im Judentum von der Antike bis zur frühen Neuzeit sind denn auch apologetisch beeinflusst und oft verzerrt. Abwertende Äußerungen im Talmud etwa wurden dann später verschärft gegen die Juden benutzt, um ihre Lügenhaftigkeit zu beweisen. Im Mittelalter wehrten sich Juden mit gehässigen Schriften wie den Toldot Jeschu gegen den von Christen verursachten Verfolgungsdruck. Auf höherem Niveau bewegten sich die rabbinischen Polemiken, mit denen man sich gegen christliche Missionsversuche wehrte. Aus heutiger Sicht kann man nur fassungslos konstatieren, mit welcher Arroganz die christliche Mehrheit selbst in Gestalt ihrer besten Theologen ihre jüdische Minderheit behandelte.
Durch die Aufklärung änderte sich das Bild, das man sich gegenseitig machte. Gleichwohl kam es selten zu fairen Dialogen. Inzwischen entwickelte sich die historisch-kritische Bibelforschung, die auch von jüdischen Gelehrten wie Abraham Geiger betrieben wurde. Seine Beiträge wurden aber wenig anerkannt, sondern als Angriff auf das Christentum verstanden. Trotz großer Gelehrsamkeit konnten auch liberale Theologen wie Adolf von Harnack ihre antijüdischen Vorurteile nicht überwinden. Das Judentum blieb für viele bis in die Gegenwart hinein die düstere Folie, von der sich das Christentum strahlend abhebt. Erst die Shoa hat bei einigen protestantischen Theologen zur Umkehr geführt, die aber weltweit gesehen noch in der Minderheit sind.
Homolka beschreibt die jüdische Jesus-Forschung als "Heimholung Jesu ins Judentum". Da gibt es den exemplarischen Juden, den Großen Bruder, den mahnenden Propheten oder Revolutionär. Die Meinungen gehen bei jüdischen Gelehrten ebenso weit auseinander wie bei ihren christlichen Kollegen. Jene können die Debatte nur gelassener führen, da Jesus keine fundamentale Bedeutung für ihren Glauben hat. Auch als Lehrer fügt er sich allenfalls in die Kette der Weisen ein, da sich das Judentum immer gesträubt hat, einen einzelnen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.
In der christlichen Theologie hingegen kommt zur historischen Frage nach Jesus immer die dogmatische hinzu, welche Bedeutung er als Christus hat. Homolka macht dies an der aktuellen Diskussion um das Jesus-Buch des Papstes deutlich.
Homolka kommt in seiner Schrift zu dem nüchternen Fazit: "War Jesus aus jüdischer Sicht Pharisäer und Schriftgelehrter? Vielleicht. War er bedeutend? Ohne Zweifel. War er der Messias oder gar der Sohn Gottes? Aus jüdischem Verständnis nein."