Fragen, die Zweifel an dem geschichtlichen Dasein Jesu verraten, werden von den Gelehrten meist mit einem Lächeln abgetan. Tatsache ist aber, dass es in den vergangenen zwei Jahrhunderten solide Theologen und Historiker gegeben hat, die sich intensiv mit derartigen Fragen beschäftigt haben. Der in die Weltliteratur eingegangene Roman
Der Meister und Margarita von Michail Bulgakow ist ein bleibendes Zeugnis für den Einfluss der "Jesus-Verneiner" auf die philosophische Debatte des frühen 20. Jahrhunderts (siehe z. B. den Artikel "The Mythic Bulgakov" von Edythe C. Haber). Die Frage nach der Geschichtlichkeit Jesu, so die Ausgangsthese von Harald Specht, dürfe auch heute nicht als "geklärt" dargestellt werden. Man müsse Jesus nicht zwangsläufig als einen Menschen des ersten Jahrhunderts betrachten. Wer sich aus rein historischem Interesse mit Jesus beschäftige, könne sich "einem möglichen Phänomen Jesus" nähern, das sich vielmehr als "Personifizierung einer religiös-politischen oder philosophisch-spirituellen Idee" beschreiben lasse (S. 16).
Wie schwierig sich das Vordringen zu einem eventuellen historischen Kern der Evangelien gestaltet, zeigt Specht anhand einer Fülle sekundärer Quellen. Präsent sind vor allem die Stimmen der Forscher des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Bruno Bauer (1809-1882), Gerald Massey (1828-1909), William Benjamin Smith (1850-1934), John M. Robertson (1856-1933) und Arthur Drews (1865-1935), um nur einige der wichtigsten Namen zu nennen, die Specht als Referenzen anführt. Tom Harpur, Kamal Salibi und Hermann Detering sind Beispiele für die jüngeren Stimmen, die im Buch zu Wort kommen.
Specht stellt am Anfang fest, dass die Berichte des Matthäus- und Lukasevangeliums über die Geburt Jesu für die Frage nach dem Menschen Jesus wenig hilfreich seien. Die Geburt Jesu sei in der neutestamentlichen Darstellung nach Bethlehem verlegt worden, damit eine Prophezeiung des Alten Testaments als erfüllt betrachtet werden könne. Beweise für eine Stadt Nazareth gebe es nicht. Eng mit dem letzteren Thema verbunden sei die sprachliche Verwirrung, die durch die drei ähnlich klingenden Begriffe "Nazaräer", "Nazoräner" und "Nazaräner" erzeugt werde. Ergebnis der Diskussion ist, dass die gesamte Geburts- und Herkunftsgeschichte frei erfunden sein könnte (S. 190). Jesu Wundertaten sollen Ähnlichkeiten mit älteren Erzählungen aus der griechisch-römischen Götterwelt und aus dem Alten Testament aufweisen, und die Bergpredigt lasse sich als "ein Flickwerk aus dem zeitgenössischen jüdischen Schrifttum" bezeichnen (S. 222). Was Jesu Tod angehe, so seien weder die exakten Umstände der Kreuzigung noch der Todestag ermittelbar. Die Evangelien selbst seien nach Ansicht von Specht etwa ein Jahrhundert später als die darin geschilderten Ereignisse verfasst worden. Diese Datierung stehe im Einklang mit der im 3. Jahrhundert stattgefundenen "Explosion" christlicher Kunstwerke (S. 295).
Das Kapitel über "Jesus in nichtchristlichen Quellen" widmet sich den angeblichen Zeugnissen des Josephus, Sueton, Plinius und Tacitus. Specht beruft sich bei seiner Beurteilung von Tacitus und Sueton auf Albert Schweitzer: "Die beiden römischen Historiker lassen nicht erkennen, dass sie originale und direkte Kunde von Jesus besitzen" (S. 324). Für Schweitzer scheidet auch Josephus aus der Reihe der zuverlässigen profanen Zeugen über Jesus grundsätzlich aus.
Im darauf folgenden Kapitel wendet sich Specht der Frage, ob die Evangelien historische Fakten berichten oder Dichtung und Fiktion sind. Er zitiert Rudolf Bultmann, der 1926 feststellte, dass "wir vom Leben und von der Persönlichkeit Jesu so gut wie nichts mehr wissen können, da die christlichen Quellen sich dafür nicht interessiert haben" (S. 332). In Anlehnung an Georg Brandes meint Specht: "Will man zu einem historischen Kern in den Evangelien vordringen, ergeht es dem Suchenden wie einem Zwiebelschäler, der nach dem Abstreifen der ersten Häute immer wieder auf nichts als Schalen trifft" (S. 345). Heutige Jesusbücher seien in der Regel von der Weltanschauung des Autors stark geprägt: "Aus dem objektiv blassen Bild des Menschen Jesus wird der subjektive Jesus der Reflexion zum kunterbunten Allerlei" (S. 350). Alles sei vertreten: "Sozialrevolutionär" (John Dominic Crossan), "heiliger Wundertäter" (Geza Vermes), "Magier, der mit Tricks arbeitet" (Morton Smith), "kynischer Weiser und Lehrer, der eigentlich mehr griechisch als jüdisch ist" (Burton L. Mack) usw. Specht stellt fest, dass es heutzutage nur wenige Fachleute gibt, die sich speziell mit der Geschichtlichkeit Jesu befassen. "Scheinbar moderne Forschung verliert sich in Ergebnissen und Ansichten, die denen des frühen 19. Jahrhunderts gut zur Seite zu stellen wären" (S. 390).
Das fünfte Kapitel widmet sich der Frage nach dem Urspruch des Christentums. Dass eine Urgemeinde in Jerusalem zur Keimzelle für eine sich ausbreitende Kirche geworden sei, könne nicht als gesichert gelten. Frühchristliche Gruppierungen habe es in mehreren Metropolen gegeben. Vieles spreche dafür, dass "die Uranfänge des christlichen Glaubens eher im liberalen und hellenistisch geprägten Diasporajudentum" zustande gekommen seien (S. 427). "Man nahm von Ägypten und Hellas, von den Heiden wie von den Juden" (S. 452). Im abschließenden Kapitel zieht der Autor ein kurzes Fazit, in dem er das Erläuterte in wenigen Punkten zusammenfasst.
Das Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für einen historisch-kritischen Umgang mit den Quellen, von denen jede historische Arbeit über Jesus auszugehen hat. Specht will aufrütteln und zeigen, dass die Unzuverlässigkeit der neutestamentlichen Schriften als historische Dokumente ein ernstes, schwieriges und grundlegendes Problem der Jesusforschung sei. Er gibt dem Leser zugleich einen Wegweiser durch eine teilweise in Vergessenheit geratene Literatur in die Hand. Ein Aspekt, der in der ansonsten recht gründlich recherchierten Arbeit fehlt, ist die Frage danach, ob es in akademischen Kreisen Anzeichen für ein erneutes Interesse an dieser Thematik gibt. Hier wären Hinweise auf
The Incredible Shrinking Son of Man von Robert M. Price und
The Messiah Myth von Thomas L. Thompson nützlich gewesen. Außerdem hätten Stellungnahmen, welche die Idee eines mythischen Christus ablehnen, etwas eingehender behandelt werden können. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass im Internet heftige Diskussionen über die Geschichtlichkeit Jesu stattfinden, und dass prominente Theologen wie Marc Goodacre und Bart D. Ehrman die Gültigkeit der hier angesprochenen Grundfrage anzweifeln. Diese Anmerkungen fallen aber angesichts der zahlreichen Stärken dieses Buches kaum ins Gewicht.