Die außerchristlichen Quellen über Jesus von Nazareth sind spärlich und durchwegs sekundär. Lediglich bei Tacitus wird Jesus bezeugt. Er erwähnt einen "Christus, der unter Kaiser Tiberius durch den Landpfleger Pontius Pilatus getötet wurde". Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavius erwähnt Jesus nur in einer beiläufigen Notiz. Die ausführlichste und ausgesprochen positive Würdigung in seinen "Jüdische Altertümer" gilt heute allgemein als von christlicher Hand eingeschoben bzw. ergänzt. Sueton und Plutarch nennen Jesus überhaupt nicht. In der rabbinischen Literatur finden sich nur einige polemische Anspielungen auf Jesu Hinrichtung wegen Zauberei und Volksverführung sowie auf seine angebliche uneheliche Geburt.
Dennoch hat der jüdische Neutestamentler David Flusser diese Kurzmonographie verfasst, um zu zeigen, dass es möglich ist, eine Lebensgeschichte Jesu zu schreiben. Da wir aber über das Leben Jesu und seine Ansichten kaum etwas aus nichtchristlichen Quellen wissen, sind die einzigen wichtigen christlichen Quellen über Jesus die vier Evangelien, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Für Flusser sind allerdings nur die drei synoptischen Evangelien Markus, Matthäus und Lukas die zuverlässigsten Quellen bei einer historischen Darstellung des Lebens und der Ansichten Jesu, da das Evangelium des Johannes eine nachösterliche Christologie lehren will und deshalb historisch weniger wertvoll als die drei ersten synoptischen Evangelien ist. Außerdem beabsichtigt Flusser nicht, eine Brücke zwischen dem historischen Jesus und dem christlichen Glauben zu schlagen. Vielmehr entwirft er ein facettenreiches Bild eines außergewöhnlichen, charismatischen, seiner Sendung bewussten Menschen, der die Sprache seines Volkes sprach und in den jüdischen Traditionen lebte, der den jüdischen Glauben an den einen Gott der Welt und die Überlieferungen des Moses und das jüdische Gesetz nicht aufheben, sondern in ihrem tiefsten Sinn zur Geltung bringen wollte. Bei seiner Darstellung verwendet Flusser immer wieder rabbinische und jüdische Quellen, um zu zeigen, wie tief und fest Jesus in der jüdischen Tradition stand. Obwohl Jesus in den Evangelien mit "Rabbi" angeredet wird, hat sich im Volksglauben das übliche lieblich-idyllische Bild des Jesus als eines naiven, liebenswürdigen, einfachen Handwerkers verfestigt. Flusser hebt aber hervor, dass damals gerade die Tischler für besonders gelehrt galten und dass die Anrede "Rabbi" in damaliger Zeit allgemein üblich war gegenüber den Kennern und Lehrern der Thora. Dass Jesus ein gesetzestreuer Jude war, versteht sich von selbst. Es war nicht sein Anliegen, gegen das Gesetz des Moses anzugehen, sondern den Starrsinn der Stockfrommen exemplarisch bloßzulegen. Der revolutionäre Ansatz in der Verkündigung Jesu geht nicht von einer Kritik am jüdischen Gesetz selbst aus, sondern auf die Art des Umgangs mit diesem Gesetz. Dabei konnte Jesus an schon vorhandene Kritik anknüpfen. Zu einem Durchbruch kommt es im radikalisierten Liebesgebot. Da die antiken Juden erkannt hatten, dass man die Menschheit nicht mehr, wie in der alten Zeit biblischer Religiosität, scharf in Gerechte und Sünder einteilen konnte, wurde es praktisch auch unmöglich, die Guten zu lieben und die Frevler zu hassen. Die Folge war eine neue jüdische Ethik. Bereits um das Jahr 185 v. Chr. betonte Jeschua ben Sira das Liebesgebot und die "Goldene Regel" wurde schon vor Jesus im Judentum als die Summe des Gesetzes betrachtet, so zum Beispiel bei Hillel. Doch Jesus ging in seinem Liebesgebot weiter und zerbrach die letzte Schranke des antiken jüdischen Gebots der Liebe zum Nächsten. Rabbi Hanina meinte man solle den Gerechten lieben und man dürfe den Sünder nicht hassen, Jesus aber forderte die Feindesliebes von seinen Nachfolgern. Das Gebot der Feindesliebe ist deshalb, nach Flusser, Jesu spezielles Eigentum, seine eigentliche Botschaft, da wir es nur im Neuen Testament aus seinem Munde hören. In Flussers Studie erfährt man auch gewisse Parallelen zwischen der Botschaft Jesu und den Essenern. Sowohl für Jesus als auch für die Essener sind Armut, Demut, Reinheit des Herzens und ungelehrte Einfalt wesentliche religiöse Werte. Jesus und die Essener meinten, dass die jetzt gesellschaftlich Deklassierten und Verfolgten in der nahen göttlichen Zukunft die ersten sein werden. Wie die Essener seiner Zeit sah auch Jesus jeden Besitz als gefährlich für die Gottesfurcht an. Mit der essenischen Umgebung teilte er auch die Überzeugung, dass man dem Bösen nicht widerstehen soll. Jesus konnte aber den essenischen religiösen und wirtschaftlichen Separatismus nicht bejahen. Auch die innige Beziehung zwischen Jesus und Gott hat seine Vorläufer in den jüdischen wundertätigten Charismatikern, von denen berichtet wird, dass ihre Beziehung zu Gott wie die des Sohnes zum Vater war. Solche heiligen Männer pflegten Gott mit "Vater" (Abba) anzusprechen genauso wie Jesus es tat. Selbst die letzten Worte Jesu am Kreuz, die Markus und Matthäus überliefert sind Psalmworte. Es zeigt, dass Jesus als ein frommer Jude starb.
Wer sein Wissen über eine der wichtigsten Gestalten in der Religionsgeschichte erweitern und vor allem vertiefen möchte, sollte an diesem Buch nicht vorbeigehen.