1926 war Rudoilf Bultmann gerade einige wenige Jahr Professor für Neues Testament in Marburg. In seinem ersten Hauptwerk "Die Geschichte der synoptischen Tradition" (1921) hatte er gezeigt, dass die Berichte der Evangelien so stark durch Überlieferungsprozesse geprägt sind, dass es unmöglich ist, in ihnen einen glaubwürdigen Bericht über Jesu Leben zu sehen. Außerdem fehlen an einer Biographie wichtige Züge, wie die Charakterisierung der Person Jesu und eine ausführliche Schilderung seines Werdegangs. In seiner "Theologie des Neuen Testaments" bezieht sich Bultmann hauptsächlich auf Paulus und läßt die Jesus - Überlieferung außen vor. Um so erstaunter bin ich nun bei der nachgeholten Lektüre des Jesusbuches. Es kommt ja bei der Beschreibung des Lebens Jesu nicht auf die Quantität an, denn das kann bei der Kürze der Dokumente dann ja nur Phantasie sein. Anhand der wichtigen Themen seiner Verkündigung und unter der Voraussetzung eines richtigen Zugangs des Verstehens historischer Texte in der aktuellen Zeit gelingt es Bultmann durchaus die Person Jesu deutlich werden zu lassen. Die Linie, die Jesus noch stärker aus dem Zusammenhang seiner jüdischen Religion versteht, nimmt hier erst seinen Anfang. Interessant ist es, nachzulesen, wie die Rudolf - Bultmann - Gesellschaft im Jahr 2001 die Erkenntnisse des Jesus Buches neu gewertet hat: Ulrich Körtner (Hg.). Jesus im 21. Jahrhundert. Bultmanns Jesusbuch und die heutige Jesusforschung. Neukirchener Verlag 2001. Das gesicherte historische Datum der Kreuzigung hat Bultmann so gewertet, dass dem auch aus heutiger Sicht nichts entgegenzusetzen ist: "Jesus wurde durch den römischen Prokurator Pontius Pilatus gekreuzigt. Welche Rolle dabei die jüdische Behörde gespielt hat, der die christliche Überlieferung die Hauptschuld zuschiebt, ist nicht mehr klar zu erkennen. Es ist wahrscheinlich, dass sie, wie sonst, im Interesse der politischen Ruhe mit den Römern Hand in Hand arbeitete. Es kann aber kaum zweifelhaft sein, dass Jesus wie andere Aufrührer als messianischer Prophet am Kreuze starb." (S.22) Geschrieben am Karfreitag 2003.