Dieses Buch ist eine für ein breiteres Publikum geschriebene Darstellung über einen antiken Papyrus aus Ägypten, der eine Passage des Matthäus-Evangeliums enthält und sich heute in Oxford befindet. Ausgeführt wird die These von Carsten Peter Thiede, der den Papyrus in die Zeit um 70 n. Chr. zu datieren versucht. Die weit reichende Folge dieser Neudatierung wäre, dass das Evangelien des Lukas, des Markus und des Matthäus aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammen würden und daher von Zeitgenossen Jesu (also von Augenzeugen!) geschrieben wurden. Die Frage nach der Wortwörtlichkeit der Evangelien würde sich dann ganz neu stellen.
Das Buch enthält eine Reihe von Mängeln. Besonders auffällig ist der polemische Ton, der gegenüber abweichenden Meinungen und Aufsätzen angeschlagen wird. Bedenklich ist auch die Selbstbeweihräucherung des Autors Thiede, wenn er von sich selbst in der dritten Person schreibt ("Neudatierung durch Thiede", "konnte Thiede nachweisen" etc.) oder sich in die Tradition des Entdeckers/Ankäufers des Papyrus im Jahr 1901, Charles Huleatt, stellt. Das geht so weit, dass erwähnt wird, auch Thiede sei (wie Huleatt) Kaplan der anglikanischen Kirche.
"Die papyrologische Analyse, die Herausgabe und Datierung alter Manuskripte muss streng getrennt von Hintergedanken aller Art erfolgen" (S. 199) bemerken Thiede / d'Ancona sehr richtig. Dennoch hat man gerade in ihrem Buch den Eindruck, eine Streitschrift im Sinne der Wortwörtlichkeit der Evangelien zu lesen, die sicherlich viele konservative Theologen begeistern wird. Die Argumente der Autoren stehen hingegen meist auf tönernen Füßen. So soll ein weiteres Papyrusfragment, das aus der Qumranhöhle 7 stammt und damit vor 68 n. Chr. datiert wird, mit Markus 6,52-53 identisch sein, wäre also ein weiterer Beleg für die Abfassung der Evangelien durch Augenzeugen. Worauf stützt sich die Zuschreibung? Es sind gerade einmal 10 bis 18 Buchstaben dieses Fragments lesbar; die Deutung auf das Markusevangelium stützt sich hauptsächlich auf die Buchstabenfolge nnes", die zu [Ge]nnes[aret] ergänzt werden soll. Genauso möglich wäre jedoch eine Ergänzung zu [ege]nnes[en] ("gebar, zeugte"). Das Beispiel zeigt, dass gerade bei Thiede / d'Ancona erst der Hintergedanke vorhanden gewesen zu sein scheint und danach die Argumente gesucht wurden.
Des weiteren wird einerseits ganz zu recht darauf verwiesen, dass der Papyrologe bei seinen Datierungen auf relative Chronologien angewiesen ist, die nicht sicher sind. Genau mit dieser Vorgehensweise soll dann aber andererseits der Oxforder Papyrus von Thiede seinerseits präzise datiert werden, ja fast aufs Jahr genau.
Sehr hinderlich ist bei der Lektüre, dass das Aussehen der Schrift und z.T. sogar einzelne Buchstaben der Papyri bis ins Detail beschrieben werden, jedoch im ganzen Buch keine einzige Abbildung geboten wird. Leider muss vom Kauf des Buches abgeraten werden; da die Autoren immerhin nie ins völlig Absurde abdriften, noch 2 Punkte.