Das Buch "Jesus Menschensohn" von Rudolf Augstein zeichnet sich durch großen Fleiß und Akribie aus. Dabei ist Augstein kein studierter Theologe. 1972, als das Buch gedruckt wurde, gab es noch kein worldwide web. Man mußte schon selbst zu den Quellen herabsteigen und seine Texte mühsam in die Schreibmaschine hämmern.
Augstein zeichnet plastisch den Weg der Entstehung von kirchlichen Irrtümern und Legenden nach. Wie so oft dienten alttestamentliche Schriften mangels aktuellerer Quellen als Drehbuch für solche Legenden. Augstein mußte auch kaum noch Rücksicht auf mögliche Repressalien nehmen: Die Index-Kommission im Vatikan wurde anfangs der 60er Jahre wegen totaler Überlastung aufgelöst - sein Buch wäre dort mit Sicherheit gelandet. Eine Kostprobe seiner brisanten Aussagen (auf S. 114): "Das Christentum stieg auf wie eine Rakete mit dreistufigem Treibsatz, jede Stufe ein explosiver Irrtum: Erst Jesu Irrtum, daß die jüdische Endzeit gekommen sei, dann der Irrtum seiner Anhänger, er sei auferstanden, und schließlich der Irrtum des Paulus und der Synoptiker, er werde demnächst wiederkommen und alle Welt richten. Keine andere Lehre gebot über so mächtige Irrtümer, denen aber Zeit gelassen wurde, sich in weniger rasch zu widerlegende Illusionen zu transformieren."
Das Buch ist anspruchsvoll geschrieben und eignet sich nicht zum Schnelldurchgang. Dafür bereitet das scheibchenweise Studium umso größeres Vergnügen. Das Buch hat für mich einen ideellen Wert, der den des Antiquariatspreises um Dimensionen überschreitet.