Eines gleich am Anfang: Dieses Büchlein über Jesus befasst sich rein mit der historischen Figur, die Kernfigur des Neues Testaments wurde. Abwegige Theorien, es habe einen historischen Jesus nie gegeben, weist Roloff völlig zu Recht mit dem kurzen, aber treffenden Verweis auf Jesu Erwähnung bei den römischen Historikern Sueton und Tacitus zurück.
Der Band ist in sinnvoller Weise aufgebaut: Auf eine Beschreibung der jüdischen, christlichen und römischen Quellen folgt eine Einordnung in das historische Umfeld. Roloff hebt hier das zeitgenössische Lebensumfeld Jesu in der jüdischen Gemeinde Palästinas besonders hervor.
Immer interpretiert und beschreibt Roloff die Quellen in streng wissenschaftlichem Vorgehen unter den Voraussetzungen des 1. vorchristlichen und des 1. nachchristlichen Jahrhunderts; spätere Intentionen und Prägungen des Textverständnisses werden durchweg nur am Rande erwähnt. Zwei Beispiele: Die im Lukasevangelium geschilderte Geburtsgeschichte, die zum Kernbestand weihnachtlichen Brauchtums zählt, wird als mit der Schilderung des Matthäus unvereinbar und "in ihren erzählerischen Details unwahrscheinlich" bezeichnet - Roloff geht es nicht um Glauben oder Nichtglauben, sondern allein um einen möglichen historischen Kern. Was die jungfräuliche Geburt angeht, so verweist er auf das Matthäusevangelium, das Jesus als Sohn Davids und Abrahams vorstellt und damit auf eine leibliche Abstammung von Josef ziele; diese Schilderung müsse damit auf älterer Tradition fußen. Tatsächlich verortet er die Idee einer jungfräulichen Geburt in alttestamentlichen Vorstellungen des Messias, ja sogar im antik-heidnischen Heroenkult: Für griechisch-römische Heroen wird ja tatsächlich typischerweise von der Vaterschaft eines Gottes berichtet. Es ist deutlich: Mit Mitteln der Literaturkritik und unter Berücksichtigung des historischen Umfelds versucht Roloff in angemessener Weise den historischen Jesus darzustellen, ihn sozusagen aus der intentional überformten Überlieferung der frühchristlichen Gemeinden herauszuschälen, in deren Umfeld die Evangelien entstanden sind.
Abschluss des Bandes ist eine Betrachtung zu modernen Jesusbildern. Roloff zeigt teils bewusste Verfälschungen der historischen Figur auf, die sich als an modernen Bedürfnissen und Wünschen ausgerichtet erweisen. Er schließt mit der Bemerkung, dass diese Darstellungen seit dem 18. Jahrhundert in erstaunlicher Konstanz mit immer denselben Stereotypen arbeiten. Dieses Kapitel ist, gerade im Lichte jüngerer und jüngster Jesusbilder in den Medien, ein passender Abschluss eines Buches, da gut geschrieben ist und eigentlich keine Wünsche offen lässt.