Auch nach vielen Jesus-Büchern bleibt das Phänomen Jesus Christus - Gott sei Dank ! - immer noch eine Herausforderung an Verstand und Herz. Jesus kann nie in seiner Ganzheit, sondern nur aus dem individuellen Erleben heraus erfahren und gedeutet werden, sodass letztlich immer nur einzelne Aspekte betrachtet werden können. Mit seinem Buch hat mir Franz Alt wieder eine solche neue Perspektive auf Jesus Christus gezeigt. Seine Interpretation baut auf den Erkenntnissen der Jungschen Psychologie auf und deutet Jesus in erster Linie als "neuen", d.h. anima-integrierten Mann, also als Mann, der "männliche" und "weibliche" Elemente in sich vereinigt und so psychisch ganz und heil geworden ist. Dieser Auffassung gemäß war Jesus wohl ein wahrhaftiger Gottsucher, aber nicht der Sohn Gottes. Seine Einzigartigkeit rührt vielmehr von dem geschilderten psychischen Integrationsprozess her. Diese einseitige Psychologisierung der Gestalt Jesu ist mein hauptsächlicher Kritikpunkt: Gewiss war Jesus auch der "neue Mann", wie ihn Franz Alt schildert, aber er ist eben noch mehr als das. Daher findet auch das Thema Auferstehung keinen Platz in diesem Buch, sodass Jesus als charakterlich und spirituell gereifte Persönlichkeit, aber nicht als "Durchbrecher aller Banden" (Gottfried Arnold) erscheint und somit nur Vorbild, nicht aber Erlöser ist. Gerade dieser Erlösungsgedanke ist aber zentral für die von Alt richtigerweise betonte Aufforderung zur Nachfolge: Durch die Befreiung von Schuld, durch die Möglichkeit, nicht nur nach dem Tod in ein neues Leben geboren zu werden, sondern in jeder Sekunde neu werden zu können, ist der Mensch befreit für die Nachfolge.
Trotzdem sind die von mir vergebenen fünf Sterne durchaus verdient (die Auferstehung Jesu hier als Kriterium zu gebrauchen, widerstrebt mir ohnehin, da es sich dabei um eine Glaubenserfahrung handelt): Franz Alt spricht das wichtige Thema der Emanzipation des Mannes an, was (noch) selten geschieht. Während ein eher kleiner Anteil den Frauen in ihrer Emanzipation folgte, ging der Großteil der Männer in die Defensive und verharrte in alten, lebensfeindlichen Rollenbildern. Männer neigen traditionsgemäß eher dazu, Stärke vorzutäuschen anstatt sich zu ihrer Schwäche zu bekennen und wehren damit jeglichen Befreiungs- und Wandlungsprozess ab. Gerade ein neues Menschenbild, wie es Jung darlegte und Franz Alt in seinem Buch aufgreift tut jedoch angesichts der Probleme der Welt not. Die Erkenntnis des Zusammenhangs von kranker Psyche und kranker Welt rechne ich, obgleich sie ja nicht ganz neu ist, zu den großen Stärken des Buches. Ich hoffe, dass viele Menschen es lesen und endlich erkennen, dass bloßes Lamentieren ebensowenig hilft wie blinder Aktionismus, sondern dass die Welt nur dann geheilt werden kann, wenn wir heil und ganz geworden sind.