Justin Broadrick. Dieser Name ist aus der Musikgeschichte nicht mehr wegzudenken. War er es doch, der Anfang der 90ér mit Godflesh den Industrial Metal auf eine neues Qualitätslevel erhob, welches bis heute nur sehr wenige Bands zu erreichen vermochten. Und wer ließ die Gitarren bei Napalm Deaths bahnbrechendem Debutwerk kreischen? Richtig! Justin war maßgeblich für "Scum" verantwortlich. Ein Album, welches noch heute in seiner Melange aus Härte, Geschwindigkeit und purer Intensität Maßstäbe setzt.
Broadrick hats irgendwie mit der Religion. Erst Godflesh, dann God und nun Jesu. Wer Godflesh Songs der Marke "Christbait Rising" oder "Streetcleaner" kennt, weiss allerdings, dass er nicht den Kuschelkurs fährt, sondern ziemlich harsche Kritik übt. Bei Jesu entfernt er sich von dieser Thematik. Viel mehr konzentriert sich Broadrick auf den Menschen als Individuum, welcher immer wieder den Erwartungen und Vorgaben von Partnern, Institutionen oder gesellschaftlichen Normen ausgesetzt ist. Versagen, Schuld, Enttäuschung, Trauer, Hoffnung, Liebe, Tod ... all dies verpackt Broadrick in schlaue und interessante Texte, die er, wie bei späteren Godflesh Alben üblich, mit weicher, immer etwas schräger Hall- Stimme vorträgt. Gut singen konnte Broadrick noch nie. Einen gewissen Charme kann man seiner leicht dissonanten Stimme aber nicht absprechen.
Soundtechnisch knüpft Broadrick zwar an seine frühere Band an, betont aber verstärkt die langsamen, sphärisch-schleppenden Elemente des ursprünglich für Godflesh charakeristischen Sounds, während die aggressiven Parts in den Hintergrund treten. Schwere Industrielle Töne sind auch hier noch gegeben, ja. Solch brachialen Soundwände wie man sie bei Jesu vorfindet, hört man wirklich nicht aller Tage. Aufgrund der sich ständig wiederholenden Gitarren- und Bassläufen, die den Hörer durch den zusätzlichen Einsatz von Echo, Hall- und Verzerreffekten nach und nach förmlich einzuhüllen beginnen, hat das ganze aber eher Anleihen bei Ambient und Drone, anstatt, wie bei späteren Godflesh Alben sehr gut hörbar, in zb. fast schon Grindcore-artige Klänge abzugleiten.
Die Produktion ist sehr dicht und warm, insbesondere dann, wenn einzelne kurze Passagen nur von Piano und Broadricks Stimme domninert werden. Abgesehen davon, bleibt der Sound aber immer der gleiche, wenn Justins typische Feedback-Gitarren auf wummernden Bass und die schleppend, langatmigen Rhythmen seitens der Drumfraktion treffen. Da macht sich beim hören eine gewisse Gleichförmigkeit breit. Merkwürdigerweise ist dies aber glatt die Stärke von Jesu. Denn wie ich schon erwähnte, besitzt die Scheibe einen sehr einlullenden Charakter, welcher durch Andersartigkeiten im Sound erst garnicht seine volle Wirkung würde entfalten können. Dieses immer wieder genutzte Schema wirkt geradezu hypnotisierend. Variationsreichtum beweist Broadrick dann schon eher bei den Melodien. Überhaupt ist Jesu fürs ungeübte Ohr zwar auf den ersten Blick Recht ungewöhnlich, aber, im Gegensatz zu solch Genre-ähnlich, aber doch wesentlich extremeren Bands wie Khanate oder Teeth of Lions Rule the Divine als geradezu "Ohrenfreundlich" zu bezeichnen. Da könnte man schon eher einen Vergleich mit Neurosis bemühen, aber selbst das würde nicht wirklich hinkommen. Aufgrund der einen oder anderen wirklich wunderschönen Melodie, welche bisweilen durch den Krach scheint wie die Sonne durch dunkle Wolken, wirken manche Momente gar schon harmonisch. Jesu ist so gesehen wohl Broadricks bisher "positivstes" Projekt ... und das will schon was heißen. Denn auch wenn er nicht anders kann und Passagen wie ... And I'm, so tired of me, withered and unclean. I'm too blind to see, the shit that is me ... eine eindeutige Sprache sprechen, so gesteht Justin dem Hörer zumindest ein schwaches Licht am Ende des Tunnels zu.
Was letzlich bleibt sind 8 alles zermürbende Dampfwalzen. Schon seit langem wurde Depression nicht mehr so konsequent und großartig vertont. Ich bin verliebt, obgleich dieser Kraft und Emotionalität. Danke Broady!